Der Berliner Galerist Thomas Schulte

Mit dem Chor der Heuschrecken fing alles an

Keine erzählerische Rätselmalerei im Stile der Neuen Leipziger Schule drang über seine Schwelle und doch hat Thomas Schulte sich über die Jahre mit seinem auf Konzeptkunst fokussierten, aber nicht ausschließlich konzentrierten Programm gehalten. Vielleicht gerade deshalb.

Als verlässlicher Partner, der die Flagge der Minimal Art eines Sol LeWitt hochhält, Denkzeichen mit Richard Artschwager setzt und abstrakte Malerei wie die farbenfrohe von Jonathan Lasker fördert.

Eine Ausstellung von Rebecca Horn bildete vor 20 Jahren den Auftakt in der Charlottenburger Mommsenstraße. Ihr "Chor der Heuschrecken" besiedelte die geräumige Altbauwohnung, in der die Galerie von Thomas Schulte und Eric Franck 1991 eröffnete. Sein damaliger Partner verabschiedete sich nach zehn Jahren. Schulte blieb sich und seinem gepflegten, bisweilen strengen Programm treu.

Eine gewisse Widerständigkeit zeichnet auch die behutsame Verjüngung des Programms aus. Zu besichtigen in der Jubiläumsausstellung "1991...", die Säulenheiligen wie Sol LeWitt den Vortritt lässt und Newcomer wie Michael Müller im Büro beherbergt. Letzterer ist erst seit einem Jahr bei ihm und natürlich gilt der Blick zurück den namhaften Wegbegleitern. Erst spät zog es Schulte in repräsentative Räume nach Mitte. Dort hat der 55-Jährige einen musealen Rahmen für die Kunst geschaffen. Eine Auswahl der wichtigsten Mitstreiter umgibt ihn. Werke wie Artschwagers Raum füllendes Fragezeichen "Question Mark (Brush)", eine Leihgabe der Pariser Fondation Cartier pour l'art contemporain, oder Rebecca Horns Zwangsjacke "Memorial Promenade", die alle paar Minuten den Flatterversuch eines Ausbruchs wagt. Mit den gebundenen Ärmchen des weißen Kittels schlägt sie wie ein Vogel, dem man die Flügel gestutzt hat. Ein Werk, das Schulte ans ZKM in Karlsruhe vermitteln konnte. Dabei hält die Schau auch verkäufliche Arbeiten bereit. So flimmern Nam June Paiks 20 Monitore, zusammengefasst zum vielgestaltigen Bild, im Holzrahmen an der Wand. Wer sich für sie oder eine von Gordon Matta-Clarks subtilen Zeichnungen aus seiner Notebook-Serie von 1974 entscheidet, muss über ein gut gefülltes Portemonnaie verfügen. Dafür erwirbt er gesicherte Werte. "Wir arbeiten mit dem Nachlass des Künstlers", berichtet der Galerist, der Museumsqualität anbieten kann: "Es geht darum, Substanz und Wahrheit zu zeigen. Die Galerie muss Ideale haben." Aber natürlich ist "Kunst eine Art von Wertanlage geworden". Seit 21 Jahren nimmt er an der Art Basel teil, zählte 1996 zu den Mitbegründern des Art Forums Berlin. Als Schulte begann, sei der Markt "viel kleiner" gewesen. "Es ist ein großer weltweiter Markt geworden mit viel mehr Spielern und viel mehr Geld." Was hat ihn damals bewegt, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen? Schließlich hätte er ja Kurator am MoMA bleiben können oder Direktor der New Yorker Galerie John Weber. Die leitete er, bevor er vor 20 Jahren in die Hauptstadt kam. "Ich wollte beitragen, dass Berlin wieder so interessant wird wie in den 20er Jahren."

Galerie Thomas Schulte , Charlottenstr. 24, Mitte. Bis 27.8., Di-Sa 12-18 Uhr.