Buch über den Mauerbau

Grüner Junge trifft Al Capone

"Ich habe meinen Bruder noch nie über so etwas weinen sehen. Ich war mit ihm oben im Schlafzimmer. Er sah mich an und sagte: ,Bobby', wenn es zu einer nuklearen Katastrophe kommt, geht es nicht um uns. Wir hatten ein schönes Leben, wir sind erwachsen. Doch den Gedanken, dass Frauen und Kinder bei einem Atomkrieg umkommen, kann ich nicht ertragen."

Dramatischer lässt sich nicht beschreiben, wie es im Weißen Haus kurz vor dem Bau der Mauer zuging. Denn derjenige, welcher vor verschluckten Tränen kaum weiter kam, war John F. Kennedy. Seit Wochen befand sich der scheinbar strahlende Präsident im Schraubstock der Angst.

Frederick Kempe hat diesen Druck in Worte gefasst (Berlin 1961. Kennedy, Chruschtschow und der gefährlichste Ort der Welt. Siedler, 672 Seiten 29,90 Euro). Mehr als das: Der ehemalige Kolumnist des "Wall Street Journal" hat ein Buch über den Bau der Mauer geschrieben, das für die nächsten Jahre das Standardwerk über die Zweite Berlin-Krise aus amerikanischer Sicht werden wird. Nicht, dass es an anderen Arbeiten über die Berlin-Krisen fehlen würde. Es gibt zu viele. Im Gedenkgetriebe zwischen Mauerbau und Mauerfall werden die Historiker bei runden Jahrestagen immer wieder mit der Fruchtbarkeit von Feldhasen gesegnet. Dann gebären sie Bücher, Bändchen und Scharteken über 1961 und '89, ohne darauf zu achten, ob sie etwas Neues zu sagen haben. Frederick Kempe ist eine Ausnahme. Seine Studie schiebt das bisherige Standardwerk (Honoré Catudal, "Kennedy in der Mauerkrise") in die zweite Reihe. Sie ist elegant formuliert mit einem durchaus angemessenen Sinn für Dramaturgie. Darüber hinaus ist Kempe mutig genug, sich zu einer neuen These aufzuschwingen. Kempe sieht im amerikanischen Präsidenten einen so unsicheren wie unerfahrenen Politiker, der seinem sowjetischen Gegenspieler Nikita Chruschtschow nicht gewachsen war. "Grüner Junge trifft Al Capone", heißt es nach dem Wiener Gipfeltreffen Anfang Juni 1961. Kennedy selbst sah es ähnlich: "Das Schlimmste, was ich je erlebt habe. Er (Chruschtschow; d. Red.) hat mich fertig gemacht." Kennedys Eingeständnis wäre kein Problem gewesen, wenn die Sowjets, die mehrmals mit einem Atomkrieg gedroht hatte, nach den Gesprächen mit den Präsidenten nicht mit demselben Gefühl nach Hause geflogen wäre. Berauscht vom eigenen Sieg sah Chruschtschow den Amerikaner im Schwitzkasten hin- und herzappeln.

"Kempe" sieht darin den Grund, warum der Sowjetchef in der Berlin-Krise so vorging, wie es in den Geschichtsbüchern steht. Hätte Kennedy, so der Verfasser, auf seine Berater gehört, hätte er nicht ohne Not und teilweise aus Versehen Zugeständnisse gemacht, wäre er also entschlossen mit dem sowjetischen Berserker umgegangen, wäre der Berlin-Konflikt womöglich glimpflicher verlaufen.

In Wien hatte Kennedy versucht, Chruschtschow mit seinem Charme für sich zu gewinnen und den Konflikt beider Supermächte auf diese Weise zu entschärfen. Kennedy fuhr mit der Furcht nach Hause, seine Schwäche könne Chruschtschow als Einladung betrachten, nun vorzugehen, wie es ihm beliebte, sprich, West-Berlin zu schlucken und Washingtons Position in Europa auf Dauer zu beschädigen. Fieberhaft suchte man im Weißen Haus nach harten Antworten, ohne einen Atomkrieg auszulösen. In seiner Rede am 25. Juli 1961 teilte er den Sowjets mit, dass die Missachtung dreier Prinzipien zum Krieg führen würden: 1. die Freiheit der Bevölkerung von West-Berlin, ihr eigenes politisches System zu wählen; 2. die Anwesenheit westlicher Truppen im Westteil der Stadt; und 3. den ungehinderten Zugang zur Stadt auf der durch sowjetzonales Gebiet führenden Autobahn sowie auf den Luft- und Wasserwegen. Chruschtschow verstand diesen Wink und bezog seine Maßnahmen entgegen der ursprünglichen Absichten allein auf den Ostteil der Stadt. Kennedy blieb in seinen Augen schwach. Ein Irrtum, der die Welt während der Kuba-Krise 1962 an den Rand eines Atomkrieges führen sollte.