Interview mit Lenny Kravitz

"Ich war nie ein Cliquentyp"

Multitalent und Frauenschwarm: Der US-Amerikaner Lenny Kravitz (47) kommt im November wieder für ein Konzert in die Berliner Columbiahalle, zuvor stellte er sein neues, mittlerweile neuntes Studioalbum "Black and White America" in einem Strandhotel im kalifornischen Malibu vor.

Auslöser für das Album war eine Fernsehdokumentation aus der amerikanischen Provinz, die den Rockstar erschreckt hat. Steffen Rüth sprach mit dem Sänger, der Intoleranz mit gut gelaunter Musik entgegen treten will.

Berliner Morgenpost: Der kleine Junge auf dem Albumcover, sind Sie das?

Lenny Kravitz: Ja, das bin ich. Ich war sieben oder acht Jahre alt, wir haben es auf dem Schulhof in New York City aufgenommen. Wie man sieht, war ich damals schon ein Mensch, der Frieden und Harmonie geliebt hat, denn ich habe das Peace-Zeichen auf dem Arm und im Gesicht.

Berliner Morgenpost: Das Album heißt "Black and White America". Hatten Sie je Probleme mit Ihrer Identität als Sohn einer schwarzen Mutter und eines weißen Vaters?

Lenny Kravitz: Nein, das ist nun einmal mein Leben. Die eigentliche Inspiration für den Titelsong kam von einem Dokumentarfilm, über den ich eines Abends zufällig im Fernsehen gestolpert bin. Es ging um Menschen in der amerikanischen Provinz, die sich heftig darüber beklagten, dass ein Afroamerikaner Präsident der Vereinigten Staaten ist. Sie sagten, sie würden Obama regelrecht hassen, da er nicht das Amerika repräsentiere, das sie sich vorstellten. Diese Menschen waren abstoßend, einfach nur schrecklich und machten mir richtig Angst. Zugleich finde ich faszinierend, dass solche Einstellungen bis heute überdauert haben. Ich schrieb also den Song, der von den Erlebnissen meiner Eltern handelt und davon, wo wir uns meines Erachtens hinentwickeln.

Berliner Morgenpost: Wohin entwickeln wir uns denn?

Lenny Kravitz: Dahin, dass Rassenfragen eines Tages kein Thema mehr sein werden. Es wird ja auch von Generation zu Generation besser. Bei meiner Tochter Zoe zum Beispiel geht es überhaupt nicht mehr um ihre Rasse, sondern um ihr Können als Schauspielerin. Das ist doch unheimlich schön. Und für die Kinder, die jetzt geboren werden, ist es nichts Außergewöhnliches mehr, dass unser Präsident ein schwarzer Mann ist. Das ist wunderschön und gibt Hoffnung.

Berliner Morgenpost: Wollen Sie mit Ihrer Musik helfen, die Rassenschranken zu überwinden?

Lenny Kravitz: Ja, das denke ich schon. Allerdings nicht nur mit meiner Musik. Sondern auch sonst, als Mensch. Schon als Kind, also lange vor meiner Karriere, kam ich schon sehr gut mit allen erdenklichen Arten von Menschen aus. Meine Freunde waren sehr unterschiedlicher Herkunft, für mich war das mit der Rasse nie ein Thema, wie könnte es auch?

Berliner Morgenpost: Sie waren also ein sehr geselliger Kerl?

Lenny Kravitz: Naja, ich war ein Junge, der einfach alle gern mochte. Die meisten Teenager entscheiden sich ja für eine bestimmte Clique - die smarten Kids, die Musiker, die Unangepassten, die Braven, die Mexikaner, die Surfer und so weiter. Ich war dagegen einer, der sich mal zu dieser und mal zu jener Gruppe an den Mittagstisch setzte. Ich war nie dieser Cliquentyp oder jemand, der sich nur mit einer bestimmten Sorte von Leuten umgeben wollte. Ich mag einfach Menschen.

Berliner Morgenpost: Die neuen Songs wie "Come on get it" oder "Stand" klingen voller Energie?

Lenny Kravitz: Stimmt. Das ist ein tierisch glückliches Album. Abgesehen vom irgendwie etwas dunklen "Baptism" waren ja alle meine Platten relativ aufbauend und positiv. "Black and White America" ist das erste Album in meiner Laufbahn, auf dem kein einziger Song enthalten ist, den ich aus einem Gefühl des Traurigseins heraus geschrieben habe.

Berliner Morgenpost: Können andere Menschen von Ihnen lernen, wie man glücklich ist?

Lenny Kravitz: Das will ich nicht behaupten. Ich war immer ein optimistischer Mann, aber ich hatte meine dunklen Momente. Heute lebe ich so, wie es am besten für mich ist.

Berliner Morgenpost: Würdest Sie die aktuelle Single "Stand" als eine Motivationshymne bezeichnen?

Lenny Kravitz: Ja, total. Darf ich das Wort klauen? Die Geschichte hinter "Stand" ist eine sehr persönliche. Ich habe das Lied geschrieben für einen Freund, der einen Unfall hatte und danach querschnittsgelähmt war. Mein Song soll ihm Energie und ein bisschen Hoffnung geben. Der Wahnsinn ist: Seit seinem Unfall sind zwei Jahre vergangen - und er läuft wieder. Wunderbar, oder? Mein Freund hatte Glück, dass er innerhalb von drei Stunden nach seinem Unfall operiert wurde. Ich bin gerade noch in Miami mit ihm zusammen Fahrrad gefahren.

Berliner Morgenpost: Wie denkt er über den Song?

Lenny Kravitz: Er ist unheimlich glücklich und dankbar. Aber wenn jemand zu danken hat, dann bin ich es. Denn ohne ihn wäre mir der Song nicht eingefallen.

Berliner Morgenpost: Auffallend ist der Funk-Anteil auf der Platte - ein Einfluss von James Brown?

Lenny Kravitz: Ein riesiger Einfluss ja. Ich habe unheimlich viele Bläser dabei und hatte wohl noch nie so viel Freude im Aufnahmestudio wie dieses Mal. Ich konnte aus dem Studio auf den Bahamas die Bäume und das Meer sehen. In dieser Atmosphäre ist es praktisch nicht möglich, miesepetrige Musik zu machen oder schlecht drauf zu sein. Die Bahamas sind immer noch mein liebstes Zuhause.

Berliner Morgenpost: Aber alle denken doch, dass Sie jetzt in Paris leben?

Lenny Kravitz: Ich liebe Paris, ich verbringe sehr viel Zeit dort. Mein Hauptwohnsitz sind wie schon seit Jahren die Bahamas, doch Paris kommt auf Platz zwei. Ich liebe die Architektur dort, die Oper, das Ballett. Den Wein. Paris ist die schönste Stadt der Welt und bildet einen wunderbaren Kontrast zum Strand, den Büschen und dem zurückgezogenen Leben auf den Bahamas. Ich gehe in Paris in Restaurants, ich gehe shoppen, ich gehe dort einfach auch gerne spazieren, lasse mich treiben, ohne Plan. Und ich liebe es, mit meinem Motorrad durch die Stadt zu fahren, am besten nachts, wenn kein Verkehr mehr ist.

Berliner Morgenpost: "I can't be without you" ist glasklar ein Liebeslied?

Lenny Kravitz: Richtig, und ich fühle jedes einzelne Wort, das ich singe. Anders ginge es nicht.

Berliner Morgenpost: An welche Frau ist denn diese Liebeserklärung gerichtet?

Lenny Kravitz: An Gott.

Berliner Morgenpost: An Gott?

Lenny Kravitz: Ja! Jeder denkt, ich besinge hier meine Liebe zu einer Frau. Aber ich habe wirklich und wahrhaftig meine Hingabe gegenüber meinem Erschaffer bekundet.

Berliner Morgenpost: Seit 20 Jahren sind Sie an der Spitze. Kennen Sie das Geheimnis Ihrer Popularität?

Lenny Kravitz: Nein, das kenne ich nicht, und ich möchte es auch nicht kennen. Mal geht es hoch, mal geht es runter. Wichtig ist vor allem, dabei zu bleiben, weiterzumachen, nicht aufzustecken. Wer seine Niederlagen übersteht, der gewinnt am Ende.

Berliner Morgenpost: Was tun Sie, damit der Job nicht zur reinen Routine wird?

Lenny Kravitz: Es hilft, wenn die Arbeit Spaß macht. So wie mir. Ich bin einfach meistens in Stimmung, und im Moment besonders.

Berliner Morgenpost: Wollen Sie mit 80 Jahren noch auf der Bühne stehen?

Lenny Kravitz: Warum denn nicht? Wie alt ist Mick Jagger? 70? Und Bob Dylan ebenfalls. Ich habe ganz sicher nicht den Wunsch, irgendwann keine Musik mehr zu machen. Denn Musik ist, neben meiner Tochter, das Wichtigste in meinem Leben.

Album: "Black and White America", ab 19. August im Handel.

Konzert: 7.11. um 20 Uhr in der Columbiahalle