"Planet der Affen - Prevolution"

Aufstand der Primaten

Vor langer Zeit gab es im hiesigen Arsenal-Kino einmal die sehr schöne Filmreihe "Tiere schauen dich an". Da war von herzigen Hundeaugen bis zu Bestienfilmen wie "Der weiße Hai" so ziemlich alles vertreten, was es an Tieren im Kino zu sehen gab. Würde die Serie heute noch einmal wiederholt, "Planet der Affen - Prevolution" dürfte nicht fehlen.

Denn der Film von Rupert Wyatt, der am Donnerstag in die Kinos kommt, ist so etwas wie die Quintessenz des Ganzen. Er zeigt uns ein Affenbaby, so süß, wie es einen anblinzelt; zeigt uns, wie der Affe größer und gewandter wird und immer noch süß ist. Bis er schließlich ein immenses Aggressionspotenzial entwickelt und plötzlich, nach ziemlich genau 75 Minuten, zu sprechen beginnt. Ein einziges Wort, ein kräftiges, markerschütterndes "Nein". Der Gipfel der Evolution.

Der Originalfilm lief 1968

Das Bild hat sich eingebrannt. Selbst jene, die den Originalfilm von 1968 sonst zu affig fanden, können sich nur zu gut an die letzte Sequenz erinnern. Da findet Charlton Heston, der verirrte Raumfahrer, am Strand das, was von der Freiheitsstatue übrig geblieben ist und aus dem Sand herausragt, den Kopf und die Fackel. Und jetzt erst weiß er, was der Zuschauer längst geahnt hat: dass er nicht auf einem fernen Planeten gelandet ist, sondern auf Mutter Erde, die sich allerdings, in seiner Abwesenheit, drastisch verändert hat. "Planet der Affen" stellte, mitten im Kalten Krieg, die unangenehme Hypothese auf, dass der Mensch vielleicht doch nicht die Herrenrasse, der Gipfel der Schöpfung ist, als die er sich gemeinhin sieht. In den siebziger Jahren entstanden mehrere Fortsetzungen, vor genau zehn Jahren versuchte Tim Burton noch einmal - vergeblich -, die Erfolgsserie zu reanimieren. Aber all diese Filme blieben uns die eine Erklärung stets schuldig: wann und warum eigentlich die Affen die Herrschaft über die Welt an sich gerissen haben. "Planet der Affen" will diese Lücke schließen. Ein weiteres Produkt im Prequel-Wahn, die Vorgeschichte zu Erfolgsserien zu erzählen. Und "Prevolution", dieses Kunstprodukt an deutscher Schlagwortfantasie, trägt das alles im Titel: Evolution, Revolution und Prequel, Prähistorie quasi.

"Prevolution" spielt nicht, wie das Original, anno 3978, sondern in der Jetztzeit. Allerdings nicht in New York, sondern am anderen Ende der Staaten, in San Francisco. Hier wird ein Mittel entwickelt, um eine neue Volkskrankheit zu kurieren: Alzheimer. Dr. Will Rodman arbeitet an dem Serum, weil sein eigener Vater an der Krankheit leidet. Und als all seine Versuchskaninchen - Menschenaffen - eingeschläfert werden müssen, rettet er ein Affenbaby und nimmt es bei sich auf. Die Ironie: Am Anfang ist der Vater die Kreatur, das Äffchen aber, das das Mittel vererbt bekam, erweist sich als zunehmend intelligentes Wesen.

Nur weiß halt leider, außer dem Doktor und seiner engsten Familie, niemand, dass dieses Tier etwas Außergewöhnliches, ein Prototyp ist. Alle behandeln den Affen, der auf den Namen Cäsar hört (und wirklich hört), als das, was er sein muss: ein gemeines Vieh. Auf Druck der bösen Umwelt landet Cäsar deshalb bald in einem Tierheim, wo er mit anderen Affen in unwürdigster Weise im Käfig gehalten wird. Da muss man ja wild werden, schon als gewöhnliche Kreatur. Erst recht aber, wenn man Weisheit gespritzt bekam.

Auch wenn der Doktor von dem lieben Vieh von James Franco gespielt wird, seit "Milk" Everybody's Darling in Hollywood und für "127 Hours" gerade für einen Oscar nominiert, wird der Film gänzlich aus der Perspektive des Tieres erzählt. Und das ist, zumindest jenseits des Animationsfilms, eine ziemlich einmalige Sache. So weit ist man inzwischen in der Tricktechnik, dass man die Affen per Motion-Capture so natürlich wie möglich gestalten kann. Beim "Planet der Affen"-Original der 68er-Generation gelangen der Make-up-Abteilung zwar bahnbrechende Effekte, aber die Primaten wirkten letztlich noch immer allzu menschelnd. Und selbst in Tim Burtons Version gehörte es zum Spaß des Filmes dazu, Stars wie Tim Roth und Helena Bonham-Carter unter den Affenmasken zu erkennen. In "Prevolution" erliegt man dagegen immer wieder der Illusion, echten Affen zuzuschauen. Das ist ein Verdienst der Firma Weta Digital, die schon die Effekte für "Herr der Ringe" und "Avatar" generiert hat. Aber auch von Andy Serkis, dem Mann, den keiner kennt. Er hat den Gollum in "Herr der Ringe" gespielt und den Kong im "King Kong"-Remake. Er wird demnächst auch in Steven Spielbergs "Tim und Struppi"-Animation den Käptn Haddock verkörpern und ist nun erst mal als Cäsar zu sehen. Nur steckt er bei den Dreharbeiten immer in diesen speziellen Anzügen, die per Motion-Capture-Technik jede Bewegung digital aufzeichnet und im Computer auf 3-D-Modelle überträgt.

Es geht auch um Väter und Söhne

"Prevolution" spielt mit dem Original. Wie dort am Anfang die Menschen von den Affen gejagt werden, gehen hier die Affen in die Falle der Menschen. Und wie Charlton Heston einst an der Kehle verwundet wurde und erst nach etwas über einer Stunde zu sprechen begann, sehr zum Erstaunen der Affen, so schockiert hier der Moment, wenn sich aus Cäsar das erste Wort Bahn bricht. Dabei werden die genreüblichen Klischees gehörig auf den Kopf gestellt. Der Wissenschaftler ist einmal kein mad scientist, kein Verrückter, der alles und jeden für seine Forschung opfert. Er erliegt zwar der ewigen Hybris und spielt sich als Gott auf. Und doch muss man ihn einfach sympathisch finden. Im Grunde ist "Prevolution" ein Film über Menschlich-Allzumenschliches, über Väter und Söhne, wobei der Sohn des Alzheimer-Patienten ausdrücklich als der "Vater" des Affen dargestellt wird.

Es dauert lange, bis Cäsar so sehr Mensch wird, dass er auf Rache giert für den jahrzehntelangen Missbrauch an seiner Spezies als Versuchskaninchen. Bis er mit seinen Mitaffen ausbricht, sich plötzlich Waffen zu bedienen weiß und die finale Auseinandersetzung auf der Golden Gate Bridge anstachelt, neben der Freiheitsstatue ein weiteres nationales Wahrzeichen. Damit sind wir wieder beim Original. Und doch erzählt uns "Prevolution" zwar einen ersten Aufstand der Primaten gegen den Menschen. Wie das Kräfteverhältnis aber verkehrt wird, das zeigt uns auch dieser Film nicht. Da bedarf es wohl noch eines nächsten Teils. Das ist die Krux am Prequel-Wahn: Mit einer Vorgeschichte allein ist es nie getan, auch die wird immer gleich seriell gedacht.