Roman Opalka

Von einem, der auszog, die Zeit zu malen

Das Wort "Lebenswerk" schien im Zusammenhang mit Roman Opalka immer ein bisschen untertrieben. 1965 - da war er gerade 34 Jahre alt - verabschiedete sich der polnische Künstler in seinem Warschauer Atelier von der konventionellen Malerei und stürzte sich in eine Aufgabe von heroischem Ausmaß.

Er begann zu zählen. Fing bei Eins an und zählte einfach weiter, in Richtung Unendlichkeit. Einmal begonnen, wurde ihm schnell klar, dass er freiwillig nicht wieder aufhören würde. Wie zur Bekräftigung malte er die Zahlen als kleine Ziffernkolonnen auf einer schwarzen Leinwand, hintereinanderweg, in fortlaufender Reihenfolge. Sobald ein Bild mit Zahlen gefüllt war, begann er das nächste.

"Opalka 1965/1-*" nannte Roman Opalka seine Lebensaufgabe. Titel für die einzelnen Bilder gab es nicht, sie hießen lediglich "Details". Innerhalb der Konzeptkunst gibt es wohl kein anderes Werk, das so konsequent ist. Kleine Variationen seiner Arbeit gönnte er sich aber schon: 1968 wechselte er die schwarzen Leinwände gegen graue aus, weil ihm Grau aufgrund seines mangelnden symbolischen Gehalts besser für seine Zwecke geeignet erschien. Ab 1972 begann er seine Werke aufzuhellen, indem er bei jedem neuen Bild ein Prozent mehr Weiß in die Farbe mischte. Man konnte sich den Zeitpunkt ausrechnen, ab dem der Künstler Weiß auf Weiß malen würde. Dieses Ziel ließ sich durchaus spirituell begreifen.

Die Berliner Galerie Zak/Branicka widmete ihm zum Gallery Weekend im Mai eine kleine Schau. Im Zentrum stand eines seiner Zahlenbilder aus den Siebzigern: winzige weiße Ziffernkolonnen, die auf dem grauen Untergrund zu flimmern scheinen. Wer das Bild betrachtete, der verstand, dass es Opalka auch immer um die Malerei ging. Zak/Branicka zeigte daneben acht Fotografien des Künstlers. Selbstporträts, die er nach jedem Arbeitstag von sich machte und die sich wie seine Bilder langsam aufhellten - die eigene Auflösung festhielten. Zum Zeitpunkt der Berliner Ausstellung hatte Opalka das 233. Bild vollendet und die Zahl 5 590 000 geschrieben. Vielleicht wusste er damals schon, dass er das selbstgesetzte Ziel nicht erreichen würde - die Zahl 7 777 777, den Moment, in dem er Weiß auf Weiß malen würde. Am Samstag ist Roman Opalka während einer Italienreise in Rom gestorben. Er wurde 79 Jahre alt.

Immer wenn Opalka ein Bild beendet hatte, stellte er sofort eine leere Leinwand daneben und arbeitete weiter. So konnte er sicher sein, dass immer ein unvollendetes Werk in seinem Atelier stehen würde. Die letzte unfertige Leinwand geht nun zusammen mit der Staffelei und Utensilien aus Opalkas Atelier als Rauminstallation an die Sammlung Lenz Schönberg. Sie ist das Vermächtnis dieses malenden Philosophen.