Geitels Geschichten

Furtwängler und Nofretete

Es ist schon betrüblich: es gibt in Berlin keinen Furtwängler-Platz, keine Furtwängler-Strasse. Überhaupt keine Stätte des Gedenkens an den großen Mann. Eine jüngere Generation von Musikern, auch sie inzwischen mehr oder minder betagt, unter ihnen Abbado, Barenboim, Brendel, Pollini, sieht noch immer Furtwänglers eigenwillig verquere , doch immer befeuernde Kunst als Leitbild an.

Auch für mich ist er das immer geblieben. Furtwängler war einzigartig. Man braucht ja nur seine Einspielungen der 4.Sinfonie Schumanns oder der großen C-Dur-Sinfonie Schuberts zu hören.

Ich war noch ein braver Gymnasiast, da hatte ich mich bereits an Furtwängler verloren. Ich wurde sein Abonnent. Von 1939 an ließ ich kein Konzert von ihm aus, bis meiner Begeisterung der Krieg den bösen Riegel vorschob: ich wurde 1942 Soldat und hörte den Meister erst nach dem Krieg bei seiner Rückkehr ans Berliner Pult im Titania-Palast wieder. Eine Denkwürdigkeit, auch wenn Klaus Mann sie begeiferte. Wer nicht emigrierte, sondern in Deutschland geblieben war, schien von vornherein ein unverbesserlicher Nazi gewesen zu sein. Ich wusste nur eines ganz genau: ich selber war keiner.

Was mich von Anfang an Furtwängler gefangen nahm, war seine Zögerlichkeit. Er zitterte sich geradezu in seine Konzerte hinein. Der hochgewachsene, erzschlanke Mann ließ den Taktstock zu Beginn jeden Stückes eher ziellos um sich kreisen, bis ein erster, unerwarteter Orchesterschlag ihn geradezu aus diesem Taktstockschweifen erlöste. Es hatte genug Spannung aufgebaut. Auf ihr konnte das Werk wie auf mächtigen Schwingen in die Unvergesslichkeit segeln.

Nach den Konzerten stahl ich mich regelmäßig ins Künstlerzimmer, um herumzuschnuppern, dabei aber auch die Lobeshymnen einzuatmen, die dem eifrigen Lauscher von allen Seiten entgegenschlugen. Furtwängler nahm sie dankbar in Empfang. Er war offenkundig nicht dafür geschaffen, ihm dargebrachte Huldigungen zu übersehen. Furtwängler brauchte das offenbar.

Am 4. November 1940 war es soweit. Da erspähte Furtwängler seinen jungen Bewunderer, nahm mir ohne weiteres Bitten und Fragen mein Autogrammbuch aus der Hand und schrieb seinen Namen hinein. Mächtiger übrigens als jeder andere: eine wahre Namenshymne ergoss sich über das geduldige Papier.

Es wurde mir später geradezu ein Spaß, Furtwänglers großzügig hinphantasierten Namenszug mit dem auf der Buchstabenstelle tretenden , unlösbar ineinander verhakten Herbert von Karajans zu vergleichen, den er mir im Folgejahr nach einem Konzert der Staatskapelle am 9. November 1941 spendierte.

Ganz Berlin sah damals übrigens Furtwängler als ein unveräußerliches Heiligtum der Musik an, das er durch seine Einzigartigkeit am Pult auch wirklich war, vergleichbar darin nur der sorgsam verwahrten Nofretete, die freilich nie zu dirigieren gelernt hatte.

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern