Film

"Jede Nacht stundenlang telefoniert"

Ganz lässig und natürlich soll es wirken: Schauspielerin Ellen Barkin erscheint in hellgrauer Samtjogginghose, schlichten Top und barfuss zum Interview, setzt sich im Schneidersitz auf den Sessel und lächelt.

In "Shit Year", der am Donnerstag in die Kinos kommt, spielt die 57-jährige eine alternde Ex-Hollywood-Diva, die sich zur Ruhe setzen will. Mit Thomas Abeltshauser sprach Ellen Barkin über Filmrollen, Empathie und die eigenen Grenzen.

Berliner Morgenpost: Wie viel haben Sie mit der Diva in "Shit Year" gemeinsam?

Ellen Barkin: Erstmal ist es ein Drehbuch, das mir angeboten wurde, und ich fühlte mich sehr geschmeichelt. Und natürlich kann ich mich mit der Rolle identifizieren. Aber nicht, weil es um eine Schauspielerin Mitte 50 geht, die in Hollywood keiner mehr haben will, sondern weil der Film viel allgemeiner von jemandem handelt, der nicht mehr weiter weiß. Jemand, der nicht weiß, sich neu zu definieren. Und das kann in jedem Alter passieren. Meine Entscheidungen für eine Rolle sind sicherlich davon gefärbt, was mich gerade interessiert oder beschäftigt.

Berliner Morgenpost: Haben Sie selbst noch immer dieselbe Leidenschaft für Ihren Beruf wie zu Beginn Ihrer Karriere?

Ellen Barkin: Die wird immer wieder mal erneuert. Wenn man einen Film wie diesen hier macht, zum Beispiel. Aber es ändert sich ständig im Laufe eines Lebens und einer Karriere. Es gibt Phasen, und manchmal sehr lange Phasen von fünf Jahren, wo ich mir denke, wenn ich nie wieder einen Film drehen würde, es wäre mir so was von egal. Und dann kommt plötzlich ein Angebot, das ich mir um nichts in der Welt entgehen lassen will, weil es mich daran erinnert, warum ich diesen Job so liebe.

Berliner Morgenpost: Würde es Ihnen jetzt etwas ausmachen, wenn Sie nie wieder arbeiten würden?

Ellen Barkin: Oh ja! Aber ich bin nun auch schon 30 Jahre im Geschäft und es ist mir zwei, drei Mal passiert, dass ich dachte: "Was soll's!" und ein paar Jahre keinen Film gedreht habe. Und dann packt es mich plötzlich wieder. Zum Beispiel nachdem ich meine zwei Kinder bekommen hatte, da wollte ich herausfinden, wie es sich anfühlt, eine Rabenmutter zu sein und ich spielte eine in Robert de Niros "This Boy's Life" mit Leonardo DiCaprio als mein Sohn. Wie wäre es, wenn ich als Mutter alles falsch mache? Manchmal ist es also gar nicht der Job, sondern das Leben...

Berliner Morgenpost: Im Film sagen Sie, die wichtigste Eigenschaft einer Schauspielerin sei Empathie.

Ellen Barkin: Es ist die einzig wichtige! Wer sich nicht in andere hineinversetzen kann, hat den Beruf verfehlt. Sie erzählt, wie sie als Kind eine alte Frau dabei beobachtet hat, wie sie nach einem Einkauf Lebensmittel einräumt. Es erinnerte mich an etwas in meiner eigenen Kindheit. Als ich ein kleines Mädchen war, gab es einen alten Mann, der an der Straßenecke Zeitungen verkaufte und den ich nicht ansehen konnte. Meine Mutter unternahm alles Mögliche, das wir ihm nicht über den Weg liefen.

Berliner Morgenpost: Können Sie nach Ende der Dreharbeiten gut loslassen oder verfolgen Sie manche Ihrer Figuren noch?

Ellen Barkin: Ich habe vorher schon alles raus gelassen, da muss ich nichts mit nach Hause nehmen. Nicht mal während des Drehs oder wenn es ein schrecklicher Charakter ist. Aber die Rolle in "Shit Year" war sehr kathartisch und hat mich emotional sehr strapaziert. Ich war so ermüdet, dass ich am Ende nach Hause ging und sechs Monate lang quasi das Bett nicht mehr verließ. Dann bekam ich ein Angebot und drei Tage später stand ich am Set. Ein spaßiger Thriller, den ich auch drehte, um reinen Tisch zu machen.

Berliner Morgenpost: Was machen Sie, wenn Sie nicht arbeiten?

Ellen Barkin: Ich verbringe viel Zeit zuhause. Ich kann mich da sehr gut mit Colleen identifizieren. Nachdem mir Cam Archer die Rolle angeboten hatte, haben wir zwei Monate lang jede Nacht stundenlang telefoniert, oft vier Stunden am Stück. Wir gehen beide nicht aus. Ich gehe auf keine Partys, ich habe keine Abendessen mit Freunden. Am liebsten bin ich auf der Couch und lese ein Buch oder sehe fern.

Berliner Morgenpost: Würden Sie auch im Ausland drehen?

Ellen Barkin: Vielleicht. Aber ich bin wirklich gern zuhause. Beim Bücherlesen kommt man auch viel rum. Im Moment bin ich in Wien. Ich lese "Holzfällen" von Thomas Bernhard, den ich sehr liebe. Ich würde wahrscheinlich erst ja sagen und dann zehn Gründe finden, warum ich nicht auf die Fidschis oder nach Südafrika kann. Ich fahre noch nicht mal gern in Urlaub. Ich muss mich dazu zwingen.

Berliner Morgenpost: Haben Sie jemals darüber nachgedacht, selbst Regie zu führen?

Ellen Barkin: Hat mich nie interessiert. Ich hatte noch nie die erste Idee für etwas. Ich kann gut interpretieren, aber ich muss gesagt bekommen, was ich zu tun habe. So war ich schon immer.

Berliner Morgenpost: Aber eine kleine Autobiografie?

Ellen Barkin: Mhm, schon klar. Es reicht, dass ich es einmal erlebt habe, dankeschön.

Berliner Morgenpost: Wie hat sich die Situation für junge Schauspielerinnen heute verändert?

Ellen Barkin: Es gibt viele talentierte junge Leute, aber es ist sehr austauschbar geworden und Karrieren sind oft viel kürzer als früher. Manche sind nach drei Jahren schon wieder weg vom Fenster. Deswegen muss auch keiner besonders gut oder wahnsinnig professionell sein, weil sie eh bald wieder raus sind. Wenn ich in der Situation wäre, würde ich auch nicht allzu viel investieren. Ich habe damals mit 26 Jahren angefangen und bin noch immer im Geschäft. Keine Ahnung, ob die jungen Talente heute das auch mal sagen können. Vielleicht gibt es dann noch nicht mal mehr eine Filmindustrie, in der sie arbeiten können.