Kunstsache

André Kertész: Die Doppelung macht den Meister

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In einem meiner früheren Leben habe ich ein paar Seminare Physische Geografie belegt. Das ist jene Disziplin, bei der man aufs Land fährt und dort einen langen Bohrer in den Boden haut. Dann zieht man ihn wieder heraus und schaut, welche Erdschichten darin hängen geblieben sind.

Was diese Übung soll, habe ich nie verstanden. Trotzdem zwickten mich leicht nostalgische Gefühle, als ich die Ausstellung von Joëlle Tuerlinckx in der Galerie Christian Nagel betrat. Die belgische Künstlerin hat Seiten aus einem Geologiebuch kopiert und an die Wand gehängt. Zu lesen sind Sätze wie: "Die Kiessande im Hangende gehören zu dem interessanten Phänomen Senftenberger Elbelauf." Dazu sieht man kopierte Bilder von Gesteinssammlungen auf die Tuerlinckx ausgeschnittene abstrakte Papierformen gepinnt hat. Pflastersteine und bemalte Felsbrocken liegen in Raum herum. Komische Papierarbeiten stehen in einer Ecke, die aussehen wie altmodische Hüte. "Geologie einer Arbeit" nennt Tuerlinckx ihre Ausstellung. Was es soll, habe ich wie früher nicht ganz begriffen. Dennoch gefiel mir die Leichtigkeit dieser Geografiestunde. (Bis 20. August, Weydinger Straße 2/4, Mitte)

War Thuerlinckx Ansatz schon rätselhaft, so war ich nach dem Besuch bei BQ, ein paar Häuser weiter, vollends perplex: Wo war jetzt noch einmal genau die Kunst? Die Galerie schien sich in ein Geschäft für exotische Trachtenmode verwandelt zu haben. Auf einem Tisch am Eingang lagen Stapel sauber gefalteter Schals aus kariertem Stoff. An den Wänden hingen auf Kleiderstangen lange Reihen dunkler Ponchos, die mit fremdartigen Mustern aus bunten Perlen bestickt waren. In einer solchen Situation kapituliere ich gewöhnlich, weil ich nicht weiß, wie ich mich zu verhalten habe: Gilt wie in einer Galerie die Nur-schauen-nicht-anfassen-Regel? Oder darf ich einen der Schals anprobieren? Kann ich ihn kaufen? Aber warum war dann nirgendwo ein Preisschild zu sehen? Dafür lagen Bücher über das südostasiatische Bergvolk der Hmong aus. Die Hmong wurden im Vietnam-Krieg von der CIA als Soldaten rekrutiert, heute gehören sie in zu den unterdrückten Minderheiten in Vietnam. War diese Präsentation des Projekts "International Wardrobe" vielleicht doch eine politisch motivierte Kunstinstallation, die sich bloß als Boutique tarnte? Am Ende blieb die Frage für mich offen. Ich glaube (ich hoffe), das war die eigentliche Absicht der Ausstellungsmacher. (Bis 20. August Weydinger Straße 10, Mitte)

Nach dem Besuch bei BQ stand mir der Sinn nach einer klaren, klassischen Ausstellung. Also fuhr ich zu Rudolf Kicken. Der traditionsreiche Berliner Fotogalerist zeigt in diesen Tagen Arbeiten von André Kertész. Und welche Schätze! Auf einer orangen Wand hängt ein gerahmter Vintage-Abzug von "Die Gabel, Paris". Kertész' vielleicht berühmteste Fotografie von 1928 ist kaum so groß wie eine Postkarte. Sie zeigt in nüchternster Sachlichkeit eine Metallgabel, die auf dem Rand eines weißen Tellers lehnt. Schon toll - aber die Details machen das Meisterwerk: die Doppelung des Motivs durch den Schatten und der dunkle Rand in der oberen rechten Ecke, der die Tischkante anzeigt. In drei anderen späteren Abzügen der "Gabel", die Kicken an der Nachbarwand zeigt, fehlt dieser Rand zum Teil, was dem Bild einen völlig anderen Charakter gibt. Sehr gut gefiel mir auch eine Aufnahme des Ungarn, die ins Treppenhaus von Mondrian blickt. Wobei Kertész Foto genauso streng gegliedert und aufgeräumt erscheint, wie die Bilder des Malers. Unbedingt sehenswert - nur eine Sache ist ganz wichtig: Auch Galeristen müssen mal Urlaub haben. Deshalb pausiert die Ausstellung nächste Woche und ist ab Mittwoch, 17. August, wieder geöffnet. (Bis 3. September, Linienstraße 161A, Mitte)

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien