Pferdeshow

"Und bitte kein Mitleid!"

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Eine hundert Jahre alte Villa am Gardasee mit viel Kunst an den Wänden. Der Mann, der mit seiner 97-jährigen Mutter zu Abend isst, hat gerade eine Erfahrung gemacht, die ihm in über 40 Künstlerjahren noch nicht beschieden war: zu verlieren, Teil eines zig Millionen teuren Debakels zu werden. Dass das Ego des André Heller dennoch nicht Amok läuft, mag an seinem Lebensmotto liegen: "Nie, was man will, immer, was wird." Das Gespräch führte Sven Michaelsen

Berliner Morgenpost: Herr Heller, Sie haben sich mit einem Mann zusammengetan, der einen zwiespältigen Ruf hat. Einerseits zählt Marcel Avram mit Klienten wie den Rolling Stones zu den versiertesten Konzertveranstaltern, andererseits wurde er 1997 wegen Steuerhinterziehung zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Seine 15 Sekunden Ruhm hatte er, als ihn sein Freund Michael Jackson im Münchner Gefängnis besuchte. Was hat Sie beide zusammengebracht?

André Heller: Marcel Avram bat mich um Hilfe, weil er mit einer Pferdeshow in Schwierigkeiten steckte. Er sagte in etwa: "Erstaune mich! Erstaune die Welt! Ich gebe dir perfekte Bedingungen." Ich hatte jeden Grund, ihn für einen fähigen Mann zu halten. Man ist nicht 15 Jahre lang der weltweite Promoter von Michael Jackson, wenn man sich in diesem komplizierten Geschäft nicht restlos auskennt. Dachte ich zumindest.

Berliner Morgenpost: Warum will ein Konzertveranstalter plötzlich auf Pferde umsatteln?

André Heller: Er hat mir das genau begründet: Mit 73 Jahren wolle er einmal in seinem Leben etwas in die Welt bringen, das nicht eingekauft ist, sondern auf einer Idee von ihm selbst basiert. Er plante drei Shows: eine in Europa, eine in Asien und eine in den USA. Ich habe ein Jahr liebevoll daran gearbeitet, sein Projekt zu meinem zu machen. Aber dann war bei der Münchner Premiere im Februar das Zelt nicht fertig. Das Ersatzzelt war ein Debakel, viel zu groß, zu flache Sitztribünen mit schlechten Sichtlinien. Wenn ich merke, jemand will meinem Kind schaden, werde ich ziemlich ungnädig.

Berliner Morgenpost: Nach Ihrer Beschwerde ließ Avram die "Magnifico"-Tournee unterbrechen und versprach ein neues Zelt.

André Heller: Den Künstlern wurde in Avrams Anwesenheit verkündet, dass im August in Frankfurt Wiederaufnahme wäre. Ab dann intensivierte sich die Tragik: kein Zeltumbau, keine Künstlerverträge, nur immerzu leere Versicherungen. Nach zahllosen E-Mails, Telefonaten und einigen persönlichen Treffen mit Avram begannen wir zu begreifen, dass bei der Magnifico Circus GmbH & Co. KG eine Art Lähmung wegen Geldmangels herrscht.

Berliner Morgenpost: Vergangenen Monat verkündete Avram das Aus, die Magnifico Circus meldete Insolvenz an. Begründet wird es mit fehlenden wirtschaftlichen Perspektiven.

André Heller: Zu dieser Begründung möchte ich klarstellen, dass schon vorab Millionen in den Sand gesetzt wurden. Vor meinem Engagement werkelte ein Team eineinhalb Jahre lang erfolglos an einer Pferdeshow namens "Nebula". Avrams Leute ließen monatelang Pferde-Stunts mit eigens gekauften Rassepferden trainieren, die ich alle nicht brauchen konnte. Für meine Bildwelten sind ben-hursche Wagenrennen keine Option.

Berliner Morgenpost: Liegt es an der Qualität Ihrer Show, dass "Magnifico" beerdigt wurde?

André Heller: Die Premiere war ein Triumph mit herrlichen Kritiken, die jeder nachlesen kann, und zu den Vorstellungen in München kamen 82 000 Besucher. Mehr kann ich dazu nicht sagen, nach sechs Wochen wurde die Show ausgesetzt.

Berliner Morgenpost: Wie hat Avram Ihnen das Ende von "Magnifico" mitgeteilt?

André Heller: Nach der Mitteilung an die Presse schickte er mir eine sieben Zeilen lange E-Mail. Ein Gespräch hat er bis heute nicht geführt. Das nennt man wohl: beschämende Grobheit. Rechtzeitig zuzugeben, dass man kostenmäßig am Abgrund steht, scheint mit Avrams Selbstbewusstsein nicht kompatibel zu sein.

Berliner Morgenpost: Avram weigert sich, die Gründe für die Pleite zu nennen, die ihn und seine Investoren insgesamt 18 Millionen Euro gekostet haben soll. Welche Fehler haben Sie denn gemacht?

André Heller: Mein Anteil am Scheitern ist die Naivität, geglaubt zu haben, dass einer der erfolgreichsten und gewieftesten Showbusinessveranstalter der Geschichte über ausreichend Geld und Fachwissen verfügt. Was Avram hier lieferte, empfinde ich, als ob jemand sich in beide Beine schießt - aus reiner Selbstüberhebung.

Berliner Morgenpost: Ihr Unwille, sich auf Kompromisse einzulassen, ist berüchtigt. Wusste Avram, auf wen er sich einlässt?

André Heller: Nein, wie ich mittlerweile weiß. Meine letzten Shows waren ihm ebenso unbekannt wie meine Filme, Bücher, Parks und Museumsbauten. Auch "Magnifico" ist ihm immer fremd geblieben. Avram wollte etwas, das Augenfutter für prinzessinnensüchtige kleine Mädchen ist. Derlei Kitschwünsche kann ich nicht bedienen.

Berliner Morgenpost: 2006 waren Sie Kulturkoordinator der Fußball-WM. Ihre für eineinhalb Milliarden Fernsehzuschauer konzipierte Eröffnungsshow im Berliner Olympiastadion wurde von der Fifa in letzter Sekunde mit der Begründung abgesagt, der Rasen würde leiden. Zwei Jahre Arbeit mit Künstlern wie Brian Eno und Bob Dylan waren umsonst. Verfolgt Sie das Pech?

André Heller: Nein. Parallel dazu gab es ja unter anderem "Afrika!Afrika!" mit 3,5 Millionen Besuchern. Es ist auch ein vollkommen kindischer Gedanke, dass wir ein Abonnement darauf haben, dass die Dinge immer so ausgehen müssen, wie wir es uns wünschen. Mein Motto lautet: Nie, was man will, immer, was wird. Es geht doch darum, mit herausfordernden Expeditionen selbst erneuert zu werden.

Berliner Morgenpost: Die Absage der WM-Show kostete zig Millionen. Wäre ein Politiker für das Fiasko verantwortlich gewesen, hätte er zurücktreten müssen.

André Heller: Ja, aber die Fifa erscheint mir viel zu reich und selbstherrlich, um über derlei länger als drei Minuten nachzudenken.

Berliner Morgenpost: Läuft Ihr Ego bei solchen Pleiten nicht Amok?

André Heller: Ich habe jahrzehntelang ein riesiges Ego gehabt, aber Ego ist etwas, das einen in Geiselhaft nimmt. Mein Ego hat mich in so viele schmerzhafte Situationen gebracht, dass ich eines Tages zu ihm sagte: "Stopp! Bitte geh woanders hin!" Man muss begreifen, dass man sein Ego nicht ist, sondern dass man es hat - so wie man kein Auto ist, sondern eines hat.

Berliner Morgenpost: Sie sind mit Ihrer Egomanie doch wunderbar durchs Leben gekommen.

André Heller: Ich war in der äußeren Welt sehr erfolgreich, aber nicht glücklich. In meinem Wiener Haus gab es Anfang der 80er-Jahre einen Gang mit meinen Goldenen Schallplatten und Vitrinen mit Preisen, wie man sie von manchen Popstars kennt. Wenn ich diesen Gang betrat, empfand ich bleierne Trostlosigkeit. Die Insignien meines Erfolgs funktionierten nicht einmal als kurzes Ablenkungsmanöver von meinen Dämonen.

Berliner Morgenpost: Warum nicht?

André Heller: Weil in mir zu viel Verzweiflung, Selbsthass und Undankbarkeit war. Ich konnte keine Liebe annehmen, weil ich dachte: Wie kann ich diesen Menschen lieben und achten, wenn er mich in meiner Misslungenheit nicht als Null durchschaut? Eigentlich bin ich jeden Morgen in einem bitteren Feind aufgewacht und am Abend in einem bitteren Feind eingeschlafen.

Berliner Morgenpost: Flaubert sagte einmal: "Was mich aufrecht hält, ist einzig und allein die Empörung. Für mich ist die Empörung das, was der Stock bei den Puppen ist, den sie im Hintern haben und der sie aufrecht hält."

André Heller: Ich brauche keine Wut mehr. Der Masochismus ist verabschiedet. Ich wünsche mir Selbstironie, Genauigkeit und Eleganz. Und bitte kein Mitleid mehr, sondern Mitgefühl! Wenn ich etwa Angela Merkel beobachte, sehe ich in ihr, wie in allen Menschen, das neunjährige Kind und denke: Es ist eine große Tapferkeitsleistung für dieses kleine Mäderl, weltbedeutende Bundeskanzlerin zu sein und sich dabei nicht anmerken zu lassen, dass sie sich im innersten Kern wahrscheinlich gar nicht als Erwachsene empfindet. So geht es uns doch allen.