Kultur

Warum klassische Musik im Fernsehen eine Zukunft hat

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Martina Helmig

Theater im Fernsehen sei wie Sex ohne Anfassen, heißt es so schön. Opern, Konzerte und Theaterstücke bekommen nicht oft die besten Sendeplätze. "Eine dramatische Entwicklung" sei es, sagt Martin Hoffmann, Intendant der Berliner Philharmoniker, dass sich das Fernsehen verstärkt der klassischen Musik verweigere.

Den Eindruck kann man haben, aber es gibt auch gegenläufige Zeichen. So beginnt eine neue Ära der Kooperation zwischen Arte und den Bayreuther Festspielen, wenn am 14. August "Lohengrin" live übertragen wird. Zwei Tage später wird das ZDF das Konzert in der Waldbühne mit Anna Netrebko, Erwin Schrott und Jonas Kaufmann zeigen. An "goldene Zeiten" für Bühnenereignisse im Fernsehen glaubt ZDF-Kultur-Koordinator Wolfgang Bergmann, der jetzt drei- bis viermal so viele Sendeplätze hat wie beim Vorgänger ZDF-Theaterkanal. Sechs Argumente, warum Musik und Theater auf dem Bildschirm eine Zukunft haben:

1. Musik und Theater werden fernsehgerechter aufbereitet

Die Kamera zeigt das Bühnengeschehen aus Perspektiven, die der Zuschauer im Theatersaal nie zu sehen bekommt. Sie kann das Augenmerk des Zuschauers auf Details lenken, die für das Verständnis wichtig sind. Da blitzt vielleicht schon einmal das Messer auf, lange bevor Tosca es ergreift. Inzwischen gibt es erfahrene, hoch spezialisierte Bildregisseure wie Michael Beyer, der Musiktheaterregie bei Götz Friedrich studiert hat, bevor er zum Fernsehen ging. Vor der Übertragung des "Lohengrin" von den Bayreuther Festspielen überlegt er, wie man das Unverwechselbare der Hans-Neuenfels-Inszenierung auf dem Bildschirm zum Leben erwecken kann. Man versucht heute gar nicht mehr, das Theatererlebnis eins zu eins auf den Bildschirm zu übertragen. Das Ziel ist, aus Theateraufführungen eine fernsehgerechte Form machen, wenn es sich inhaltlich anbietet, durchaus mit reißerischen Schnitten und wilden Kamerafahrten. Mindestens einmal im Jahr entwickeln ZDF und Arte auch richtige Theaterfilme, die ein breiteres und jüngeres Publikum ansprechen als die Aufzeichnungen. Am 19. September zeigt Arte die Erstausstrahlung von "Kasimir & Karoline" nach Ödön von Horváth.

2. Technische Innovationen

Auf beiden Seiten hat die Technik enorme Fortschritte gemacht: beim Fernsehgerät im Wohnzimmer und bei den Fernsehtechnikern im Theater. Die Dolby-Surround-Technik generiert neue Klangwelten. Die HD-Technik macht die Übertragung der Bühnentotale möglich. Ansteckmikrophone und kleinere, mobile, ferngesteuerte Kameras garantieren dafür, dass die Fernsehübertragung die Aufführung nicht zu sehr stört. Gerade in Bayreuth müssen die zehn Kameras so unsichtbar wie möglich arbeiten. Sie werden auf der Bühne, in toten Winkeln an der Wand, im Orchestergraben und im Souffleusenkasten versteckt. Das starre, frontale Abfilmen der Bühnenereignisse gehört der Vergangenheit an. Mit großem technischem Aufwand kommen heute richtige Verfilmungen zustande.

3. 3D-Technik bringt neue Chancen für Bühnenadaptionen

Mit "Pina" in 3D hat Wim Wenders einen Tanztheater-Kinohit gelandet - eine Seltenheit in diesem Genre. Die Berliner Philharmoniker haben auch eine 3D-Probe bereits ins Internet gestellt. Es ist vermutlich die erste dreidimensionale Aufnahme eines Sinfonieorchesters. Auf dem platten Bildschirm könne man den Geist des Theaters niemals einfangen, lautete immer ein Argument der Kritiker. Der Bühnenraum ist von Natur aus dreidimensional. Die 3D-Technik eröffnet nun aber eine neue Dimension im realitätsnahen Umgang mit dem Theater.

4. Fernsehen macht Sängergesichter bekannt

Nicht nur große Stimmen, auch leidende und entrückte Mienen werden in die Wohnzimmer übertragen. Für Theaterbesucher sind Sänger oder Schauspieler weit entfernte Gestalten, die man im Opernglas betrachten kann. Das Fernsehen präsentiert sie in Großaufnahmen. Natürlich fällt gerade Sängern der Umgang mit den Kameras auf der Bühne nicht immer leicht. So lässt sich Sopranistin Iréne Theorin nicht gern dabei filmen, wenn sie den Mund aufreißt. Außerdem findet sie, dass man vor der Kamera immer zehn Kilo schwerer wirkt. Telegene Sänger gewinnen durch Fernsehübertragungen. Es gibt Fans, die singende Schönheiten wie Anna Netrebko lieber groß im Fernsehen erleben als klein im Opernglas.

5. Neue Kooperationen

Gute Aufzeichnungen sind teuer, aber wichtig für die Bühnen und die Künstler. Der große Aufwand lohnt sich durch Mehrfachverwertung. Der Bayreuther "Lohengrin" wird gleichzeitig für Arte und das "Public Viewing" übertragen. Hinterher kommt die Aufzeichnung noch als DVD auf den Markt. Die meisten Festivals und Opernhäuser haben inzwischen mindestens einen Medienbeauftragten, der sich um Kooperationen mit Sendern und DVD-Firmen kümmert. Lange sind Opern-DVDs nur als Zweitverwertung von Fernsehaufzeichnungen entstanden. Inzwischen bemüht sich etwa die Deutsche Oper Berlin, die Produktion mit DVD-Label-Partnern selbst zu initiieren und sie dann dem Fernsehen anzubieten. An der Bayerischen Staatsoper, der Wiener Staatsoper und den Salzburger Festspielen kümmern sich ganze Teams um das Thema. Covent Garden in London leistet sich mit Opus Arte ein eigenes DVD-Label. Die Metropolitan Opera in New York präsentiert Direktübertragungen in Kinos. Die Berliner Philharmoniker stellen ihre Konzerte in der "Digital Concert Hall" ins Internet. Das Züricher Opernhaus hat durch Sponsoren erreicht, dass fast jede Neuproduktion aufgezeichnet wird. Die Züricher bedienen dann die Fernsehanstalten zu Konditionen, mit denen kein anderes Opernhaus mithalten kann.

6. Besseres Bühnenrepertoire

Nur durch die Aufzeichnung kann ein Bühnenereignis dauerhaft bewahrt werden. Das Fernsehen hat die Verantwortung, am kulturellen Gedächtnis mitzuarbeiten. Jedes Jahr zeichnet ZDF-Kultur die zwölf interessantesten Bühnenereignisse auf. Mit der Zeit wird die Auswahl immer geschichtsträchtiger, das kulturelle Archiv immer hochklassiger. Der Spartenkanal legt eine visuelle Enzyklopädie des deutschsprachigen Theaters an.