Gendarmenmarkt

Young Euro Classic: Feuriges bis Lärmiges aus Brasilien

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Klaus Geitel

Im Konzerthaus am Gendarmenmarkt ging die Neuausgabe des Festivals "young euro classic" vor 1.600 Besuchern an den Start, nicht mitgerechnet die Hunderte von Kartensüchtigen vor den Türen.

Zum zwölften Mal bereits versammeln sich in Berlin junge Orchester aus der ganzen Welt und wie immer eröffnete ein Zyklus von Ansprachen das Konzert, gehalten vom Bürgermeister Klaus Wowereit, dann von Ulrich Deppendorf, dem Chefredakteur Fernsehen im ARD-Hauptstadtstudio und schließlich von Willi Steul, Intendant des Deutschlandradios. Auch eine neue Festivalhymne, von der Galerie hinab in den Saal geblasen, klang auf, ein knappes, recht angekichertes Stück von Ivan Fischer, der in einem Jahr die Leitung des Konzerthausorchesters als Chefdirigent übernimmt.

Das Hauptinteresse richtete sich natürlich auf die jungen Gäste von fernher: das Jugendorchester aus dem brasilianischen Bahia, diese wohlerzogene musikalische Mannschaft, geführt von ihrem feinsinnigen Dirigenten Ricardo Castro, der mit Maria Joao Pires eine ebenso feinsinnige Solistin an den Chopin-Flügel gebeten hatte, mit ihren geläufigen Silberfingern das 2, Konzert des Meisters über die Tasten huschen zu lassen.

Begonnen aber hatte der Abend mit Franz Liszts "Les Préludes", vor denen man in Deutschland noch immer zurückschreckt, wurde ihr Fanfarenthema über die Kriegsjahre hin von den Nazis zur Ankündigung ihrer siegestrunkenen Sondermeldungen missbraucht. Dabei ist das Werk in seiner Originalgestalt ein durch und durch einschmeichelndes Stück der musikalischen Romantik. Die jungen Brasilianer gaben ihm auf ihre sanfte und verständige Art seine musikalische Unschuld zurück. Danach erst zeigten sie mit fünf kleinen Stücken ausführlich auf, woher sie wirklich kamen: nicht aus der klassischen Vergangenheit Europas, sondern aus der feurigen, mitunter auch lärmigen, südamerikanischen Gegenwart.

Im Grunde glichen die fünf Stücke einer Kollektion von leicht genießbaren musikalischen Eiern mit unterschiedlich großen klingenden Dottern. Das feinste, "Sensemaya" betitelt, hat Silvestre Revueltas schon 1938 gelegt, aber es ist frisch geblieben bis auf den heutigen Tag, versteht zu amüsieren und zu entzücken.

Das Schlussstück des Abends, Oscar Lorenzo Fernandez "Batuque" von 1930, haut dagegen als Rausschmeißer gleich derart auf den musikalischen Putz, dass das feine, unternehmungslustige Orchester beinahe davonzufliegen schien. Hoffentlich nicht gleich zurück nach Bahia.

"Begonnen aber hatte der Abend mit Franz Liszts "Les Préludes", vor denen man in Deutschland noch immer zurückschreckt"