Serie: 100 Jahre Filmstudios Babelsberg, Teil 4

Die Legende von Staat und Defa

Ein Regiekollege gibt ihm den Rat: Steck dir ein Parteiabzeichen an! Heiner Carow findet den Vorschlag absurd. Aber dann behängen er und sein Drehbuchautor Ulrich Plenzdorf sich doch mit Orden und Parteiabzeichen. Um Linientreue zu signalisieren. Es ist der 29. März 1973, im Kosmos-Kino in der Karl-Marx-Allee hat "Die Legende von Paul und Paula" Premiere.

Der Saal ist voll, vorn sitzen die Protokollgäste, die hinteren Plätze sind frei verkauft. Die beiden Filmemacher ertragen die Vorführung kaum. Denn keiner reagiert. Auch als der Film vorbei ist, geschieht erst mal nichts. Dann brandet tosender Applaus auf. Aber nur von hinten. Die geladenen Gäste sitzen auf ihren Händen.

Angelica Domröse hat die Rolle unbedingt spielen wollen. Auch wenn die Paula Anfang 20 sein soll und sie schon 34 ist. Carow hat sie deshalb nicht nehmen wollen, aber sie hat ihn bestürmt, bedrängt, ja bedroht: "Ich spiel die Paula, ob du willst oder nicht." Auch Winfried Glatzeder brannte darauf, den Paul zu verkörpern: "Endlich hatte eine Geschichte mit dem wirklichen Leben zu tun." Und Plenzdorf staunt, dass sie den Film überhaupt drehen dürfen. "Da sind Dinge passiert, die nicht zu erklären sind, zum Beispiel, weshalb die Direktion so einen Stoff zuließ und auch wollte." Nach der Premiere sitzen die Carows, die Domröse und Glatzeder deprimiert im Künstlerclub "Die Möwe". Der Film, das ist allen klar, wird verboten. Carows Frau Evelyn spricht es aus: "Morgen ist der Film weg." Der Regisseur erwidert verzweifelt: "Aber die Leute mögen den Film." Alle schütteln den Kopf: Umso schlimmer.

Der Defa-Film hat zu dieser Zeit wahrlich keinen guten Ruf. Dabei hat alles so vielversprechend begonnen. Das Studiogelände Babelsberg ist nach dem Krieg wahrlich auferstanden aus Ruinen. Am 24. April 1945 besetzen die Russen das 4500 Quadratmeter große Areal. Nach dem Potsdamer Abkommen beschlagnahmt die sowjetische Militäradministration das einstige Ufa-Gelände. Das ist längst geplündert, das Inventar abgebaut, selbst installierte Technik abmontiert. Aber während die Westalliierten das deutsche Kino erst mal blockieren und vor allem die Amerikaner lieber eigene Filme verwerten, beschließen die Sowjets früh, den Film als Instrument der Umerziehung des deutschen Volkes zu nutzen. In einem erhaltenen Seitenflügel des zerstörten Hotel Adlon treffen sich am 22. November 1945 Autoren, Regisseure und Schauspieler, um über die Zukunft eines neuen deutschen Filmes zu beraten. Am 17. Mai 1946 wird dann, als erster deutscher Produktionsbetrieb nach dem Krieg, die Deutsche Film AG gegründet. Defa, das klingt nach Ufa und will doch mit deren Propaganda- und Durchhaltefilmen nichts zu tun haben. Der Gründungsakt wird nicht auf dem Ufa-Gelände begangen, sondern am Rande des Schlossparks in einem alten Atelier, das wundersamerweise nicht geplündert wurde: die Althoff-Studios.

Abrechnen mit dem "Revisionismus"

Hier werden auch Außenaufnahmen für den ersten deutschen Nachkriegsfilm gedreht: "Die Mörder sind unter uns". Der Film hat am 15. Oktober 1946 Premiere, einen Tag vor der Vollstreckung des Nürnberger Urteils. Der Film ist brandaktuell und arbeitet die eigene Vergangenheit auf. Die erste westdeutsche Filmpremiere, am 20. Dezember, "Sag die Wahrheit" ist dagegen, einmal mehr, Unterhaltungsware, noch dazu die Neufassung einer Komödie, die schon zur Nazizeit fast abgedreht war. Der ostdeutsche Film hat kurz nach dem Krieg die Nase vorn. Und während in der Bundesrepublik bald Heimat- und Tralala-Filme die Leinwände dominieren, ist der Defa-Film bemüht, sozialrelevante und -kritische Stoffe ins Kino zu bringen.

Ab 1947 wird wieder auf dem alten Babelsberg-Gelände gedreht. Das erhält wieder einmal eine neue Postanschrift: August-Bebel-Str. 26-52, wird bald zum Hauptstandort des Defa-Films. Und zum Volkseigenen Betrieb: eine Einheitsfirma im Einheitsland, mit dem offiziellen Auftrag, am Aufbau des Arbeiterstaates mitzuwirken. So entstehen auch staatskonforme Propagandawerke wie die Thälmann-Filme. Als 1961 die Mauer gebaut wird, wird das nicht nur in zwei Filmen, "Der Kinnhaken" sowie "... und deine Liebe auch", gerechtfertigt. Am 13. August stellen sich Defa-Leute in einer Betriebskampfgruppe an den Teltowkanal, um Republikflüchtlinge aufzuhalten. Die Filmemacher sperren quasi ihr eigenes Publikum ein: ein Sündenfall der Intelligenz.

Babelsberg hat zu dieser Zeit längst selber Erfahrungen mit der Obrigkeit gesammelt. 1951 wird mit "Das Beil von Wandsbek" das erste Verbot eines Defa-Films ausgesprochen. Im Juli 1958 rechnet die SED auf einer dreitägigen Filmkonferenz vor 500 Delegierten mit dem "Revisionismus" ab. Über Filme wie "Eine Berliner Romanze" und "Berlin - Ecke Schönhauser" wird das Verdikt ausgesprochen, "dass Naturalismus und kritischer Realismus völlig ungeeignet sind, die sozialistische Wirklichkeit darzustellen". Nach einer kurzen Zeit der politischen Öffnung ist das ein schlimmer Rückfall.

Und dann wird im November 1965, auf dem berüchtigten XI. Plenum des Zentralkomitees der SED, gleich die halbe Jahresproduktion der Defa verboten: Titel wie "Das Kaninchen bin ich", "Denk bloß nicht ich heule" oder "Berlin um die Ecke" wandern in den Giftschrank (und werden erst 1990 auf der Berlinale ihre späte Premiere erleben). Diese Filme, schäumt Paul Verner, Mitglied des Politbüros, "sind politisch falsch, schädlich und bedeuten im Grunde einen Angriff auf unsere sozialistische Gesellschaft in der DDR." Dies ist die punktuell massivste Zensurmaßnahme der deutschen Filmgeschichte.

Die Defa wollte ganz anders als die Ufa sein, und doch gerieren sich Politiker einmal mehr auch als die Herren über die Filmkunst. Das Babelsberg-Studio erhofft sich Absolution durch "Die Spur der Steine", doch auch der wird 1966 nach nur drei Tagen abgesetzt und Regisseur Frank Beyer ans Theater Dresden strafversetzt. Es ist die "Katastrophe von Babelsberg", der letzte Versuch der Defa, kritisch auf die Politik des Landes einzuwirken. Fortan bestimmen unverfängliche Beziehungsgeschichten das Film-Plan-Soll. Und ein böser Scherz macht die Runde: "Mit dir würde ich sogar in einen Defa-Film gehen."

Aber da, inmitten all der Biederkeit, entsteht "Die Legende von Paul und Paula". Gedreht von Heiner Carow, dessen Film "Die Russen kommen" 1968 verboten worden ist. Und auch "Paul und Paula" soll dieses Schicksal erleiden. Das Politbüro ahnt, welche Sprengkraft in diesem Werk steckt. Ein subversives Liebespaar: Eine Straßengöre, die einem ehrgeizigen Parteifunktionär den Kopf verdreht. Und die ihr ganz persönliches Glück gegen alle Widerstände propagiert. Eine "Treibhausliebe", und das im Jahre 12 der Mauer! Die Politkader wollen auf der Premiere dafür sorgen, dass der Film durchfällt. Sie bestellen Verrisse bei den Zeitungen. Und intervenieren bei Erich Honecker. Doch dann geschieht das Wunder. Honecker entscheidet: "Der läuft." Wahrscheinlich, so glaubt Plenzdorf, wegen seines VIII. Parteitages. Oder weil er nicht schon wieder einen Film verbieten will.

Coming-Out eines ganzen Volkes

Und "Baul und Baula", wie der Titel auf sächsisch klingt, läuft und läuft. Das Kosmos ist ein Vierteljahr ausverkauft, 1 840 000 Zuschauer sehen den Film allein im ersten Jahr. "Keine Chance, ins Kino zu kommen", notiert die Domröse, "und das bei einem Defa-Film." Aber mehr noch: Die Kinogeher singen die Filmsongs der Puhdys: "Geh zu ihr und lass deinen Drachen steigen". Sie taufen ihre Kinder Paul und Paula. Und die Domröse erhält Waschkörbe von Briefen, von Frauen, die sie um Rat fragen. Paulas Freiheitssehnsucht ist die des ganzen, eingeschlossenen Volkes. Der Film bringt das Lebensgefühl einer Generation auf den Punkt. Einmal ist die Defa wirklich am Nerv der Zeit. Die Rummelsburger Bucht in Friedrichshain, in der einige Szenen entstanden sind, wird später einmal zum Paul-und-Paula-Ufer umgetauft, und das Straßenschild zum meist geklauten der Stadt. Ein heute noch begehrtes Souvenir selbst bei Fans, die die DDR gar nicht mehr erlebt haben.

Die Ironie der Geschichte will es, dass auch das Ende der Deutschen Demokratischen Republik mit einer Defa-Premiere eingeläutet wird. Am 9. November 1989 präsentiert Heiner Carow, der "Paula"-Regisseur, im Kino International sein Schwulendrama "Coming-Out". Als der Film zu Ende ist, erfährt das Publikum: Die Mauer ist auf. Das Coming-Out eines ganzen Volkes.