Geschichte

Verschollener Hitchcock-Film in Neuseeland entdeckt

Als 1984 fünf Hitchcock-Filme, die der Meister zu Lebzeiten hatte zurückziehen lassen, wieder ins Kino kamen, war das für die Fans eine Offenbarung. Es waren Filme wie "Vertigo" und "Rope", Klassiker, die Alfred Hitchcock (1899-1980), den Master of Suspense, auf dem Zenit seines Könnens zeigten. Werke, die als "verloren" galten.

Man stelle sich vor, so etwas würde noch einmal passieren. Man würde noch einen vergessenen Duschmord oder neue Vögelschwadronen entdecken.

Nein, ganz so großartig ist der Fund nicht, der jetzt in Neuseeland getan wurde. Man darf es auch nicht vergleichen mit den verschollenen "Metropolis"-Szenen, die 2008 in Buenos Aires gefunden wurden und den verstümmelten Klassiker vervollständigten. Aber immerhin: In Wellington sind nun drei von sechs Rollen eines ganz frühen Hitchcocks aufgetaucht: "The White Shadow", ein Stummfilm von 1923. Der Vorsitzende des US-Filmkritikerverbandes, David Sterritt, spricht gleich, das ist sein Job, von einem der bedeutendsten Funde für die Filmwissenschaft: "The White Shadow" lasse die Methoden des Meisters studieren, "während sie erstmals Form annehmen".

Zu verdanken ist der Fund Jack Murtagh, der bis in die fünfziger Jahre Filmvorführer in Hastings war. Statt die Zelluloidrollen, wie damals vorgeschrieben, nach Vertriebsende zu vernichten, hat er sie in seinem Gartenschuppen aufbewahrt. Nach seinem Tod 1993 ging die Sammlung an das neuseeländische Filmarchiv. Dort arbeitet Experten seither daran, das hochempfindliche Material zu sichten und zu restaurieren. Vor zwei Jahren wurde schon einmal ein Sensationsfund gemacht: die einzige erhaltene Kopie von John Fords Komödie "Upstream".

"White Shadow" ist indes nur ein halber Hitchcock. Hitch hatte zwar schon 1922 seinen ersten eigenen Film inszeniert; "Number 13" wurde aber nie vollendet. Und Hitch, damals 23, war noch ein blutiger Anfänger. Als der Filmproduzent Michal Balcon den Stoff für einen neuen Film suchte, machte sein Regieassistent ihn auf ein Drama aufmerksam und bot sich gleich als Drehbuchautor an. Als ein Bühnenbildner ausfiel, übernahm er auch das noch. Das kam so gut an, dass Hitch all diese Funktionen auch bei Balcons nächstem Film ausfüllen durfte: "White Shadow". Ein "wildes Melodram", so Steritt, um zwei ungleiche Schwestern, beide gespielt von Betty Compson. Regie führte indes Graham Cutts, und mit Hitch arbeitete auch Michael Morton am Drehbuch.

In Truffauts berühmtem Interviewbuch mit Hitchcock kommt "White Shadow" in genau einem Satz vor. Er maß diesem Werk also kaum die Bedeutung zu, die ihm Sterritt nun zuschreibt. 1924 schickte Balcon Hitchcock in die Filmstudios nach Babelsberg. Erst dort, das hat Hitchcock später beteuert, habe er alles gelernt, was er übers Filmemachen wissen musste. Und 1925, bei seinem ersten vollständigen Regiedebüt, angewandt hat. Die Filmgeschichte muss also nicht umgeschrieben werden. Immerhin: Auch Hitchs allerersten Gehversuche können nun analysiert werden. Wo indes die restlichen drei Filmrollen abgeblieben sind, bleibt ein Rätsel. In Murtaghs Schuppen waren sie nicht.