Klassik-Festival

Der Dirigent, ein Prediger

Ein brasilianisches Jugendorchester eröffnet morgen das Festival "Young Euro Classic" im Konzerthaus. Und ein wenig verwundert reibt man sich die Augen, wie weit doch mittlerweile Europa reicht.

Keinesfalls kann von einer musikalischen Festung Europa die Rede sein, in den zwölf Jahren seines Bestehens hat das Sommerfestival, das in seiner Anfangszeit die europäische Einigung im Blick hatte und nun an den eingeführten Markennamen gebunden ist, seine Grenzen immer weiter in die Welt hinaus verschoben. Bis nach China, jetzt nach Lateinamerika, im nächsten Jahr soll es Südafrika sein. Das Publikum hat diese Ausflüge honoriert. "Die Messlatte liegt hoch. Im letzten Jahr waren fast alle Konzerte ausverkauft", sagt Festivalchefin Gabriele Minz. Fast 26 000 Besucher waren gekommen. In diesem Jahr sind bis zum 21. August insgesamt 17 Konzerte und eine öffentliche Generalprobe mit jungen Musikern aus fünf Kontinenten angekündigt.

Diplomatie heißt Verschwiegenheit

Erwartet werden rund 1400 Musiker. Bislang sind irgendwie immer alle angereist. Das Sorgenkind war in diesem Sommer die Junge Philharmonie Russland, wo es interne Turbulenzen gab. Wie es diplomatisch heißt. Diplomatie, sprich: Verschwiegenheit, ist die Mutter dieses Festivals. Gern wird die Anekdote erzählt, wie ein junger Komponist nach einem Empfang mit seiner Gage loszog und am nächsten Morgen weitgehend unbekleidet wieder auftauchte. Die Kleidung fand man schließlich in der Stadt wieder. So sind die jungen Künstler. Über die Nationalität schweigt man sich aber lieber aus. Ist ja eigentlich auch egal.

Aber es ist schon phänomenal, wie sich ein Festival in seiner Globalität anpreist und zugleich die Nationalstaatlichkeit in Reinkultur vorführt. Die Orchesternamen klingen meist ähnlich, irgendetwas mit jung taucht gern darin auf, oft sind es Städte- oder Regionalnamen, die man nachschlagen muss. Aber das ist letztlich nebensächlich, denn zuerst kommen die Orchester aus Brasilien, Kolumbien, Polen, der Niederlande, Frankreich, Korea oder Russland, das entfernteste aus Neuseeland. Es heißt trefflich Auckland Youth Symphony Orchestra.

Bei alledem hat der Lateinamerika-Schwerpunkt schon eine besondere Bedeutung. Festivalchefin Gabriele Minz umschreibt das brasilianische Orchester als eine Gruppe von Jugendlichen, denen "kein goldener Löffel oder eine Geige in die Säuglingserstausstattung gelegt wurde." Im offiziellen Sprachgebrauch ist vom sozialen Aufstieg durch Bildung die Rede. Ricardo Castro, der künstlerische Leiter des Orquestra Juvenil da Bahia, erklärt seine Begeisterung für das venezolanische "El Sistema", das er in den brasilianischen Bundesstaat Bahia (etwas größer als Frankreich) übertragen hat. Dieses musikalische Früherziehungssystem hat der Venezolaner José Antonio Abreu in den Siebzigerjahren in dem kommunistischen Land eingeführt, es trägt durchaus auch religiöse Züge. Die Jugendlichen, viele von der Straße kommend, werden nicht nur mit Instrumenten, sondern auch mit musikalischen Regeln vertraut gemacht. Dabei ist der Dirigent eine Art Prediger, die Musiker seine Gemeinde. Das ist sehr typisch für diese Orchester und ist wohl der größte Unterschied zu den abendländischen Jugendensembles, in denen es kumpelhafter, hemdsärmliger zugeht.

Weltweit gibt es eine große Sympathie für "El Sistema", das Sozialprojekt. Der Brasilianer Ricardo Castro, der selbst eine beachtliche Pianisten-Karriere in der Klassikwelt hinter sich hat, führt rund 100 Musiker zwischen zwölf und 25 Jahren in seinem Orchester zusammen. "Unser letztes Stück wird eine Mischung aus Karneval und Sinfonie sein", kündigt Dirigent Castro für das morgige Eröffnungskonzert an. Und macht damit deutlich, dass es bei seinem Jugendorchester nicht nur um Soziales, sondern vor allem auch um Lebenslust geht.

Politik, Klassik und Wirtschaft

Das Festival "Young Euro Classic" ist eine ganz eigene Dreieinigkeit aus Politik, Klassik und Wirtschaft. Zum diplomatischen Board gehören bereits 48 Länder. Dazu kommen die Sponsoren. Bei den Aktivitäten in Richtung China und Indien hilft die Chemieindustrie aus, in Richtung Osteuropa ist es mehr die Medizintechnik. Die öffentliche Hand greift in wechselnde Schatullen, bislang steuerte der Hauptstadtkulturfonds Geld bei, ab kommendem Jahr sind es dann Lottomittel. Möglicherweise erklärt das solch merkwürdige kulturpolitische Projekte wie das Festivalorchester Türkei-Deutschland. Der Anlass: Vor 50 Jahren kamen die ersten Gastarbeiter nach Deutschland.

Wobei Festivalchefin Gabriele Minz selbst lachen muss, als sie sich an den Geiger Önder Baloglu wendet - sie könne ihn natürlich "nicht als Gastarbeiter bezeichnen". Der Anfangzwanziger - sein Vater ist Universitätsprofessor, die Mutter Ingenieurin, der Bruder Marineoffizier - findet das auch gar nicht komisch. In seiner ganzen Familie gibt es keinen einzigen Gastarbeiter, sagt er in gutem Deutsch, mit der Problematik sei er erst hier vertraut gemacht worden. Baloglu ist alles andere als ein Beispiel für sozialen Aufstieg, der heute so gerne bei Jugendorchestern beschworen wird. Der Geiger, der offenbar am Anfang einer vielversprechenden Karriere steht, redet auch lieber über Musik.