Abschlusswerke der Filmhochschulen

Aufbruch ins Ungewisse

Ab einem gewissen Moment zweifelte Alexander Fehling an sich selbst. "Ich dachte, das wird sooo peinlich", erinnert sich der Schauspieler, "danach wirst du nie wieder einen Film drehen können." Fehling, der auf der Berlinale Shooting Star war und beim Deutschen Filmpreis als bester Schauspieler nominiert war, kannte den Regisseur Jan Zabeil, der an der Hochschule für Film und Fernsehen Babelsberg studierte, und ließ sich von ihm für ein ungewöhnliches Projekt überreden

Ein Deutscher reist nach Afrika und findet sich dort, nachdem sein Führer überraschend stirbt, ganz allein in der Wildnis wieder. Irgendwo am Okavango, dem größten Flussdelta der Welt. Nur zu viert sind sie los, der Regisseur, sein Schauspieler, ein Kamera- und ein Tonmann. Und ließen sich buchstäblich treiben. Es gab lediglich ein Treatment, aber kein Drehbuch, an das man sich hätte halten können. Und nach anfänglicher Faszination kam nach zwei Monaten die Sinnkrise. Was kann, was soll das werden?

Ein Preis, der Mut machen soll

Fehling muss sich keine Gedanken machen. Sein Film "Der Fluss war einst ein Mensch" kann sich sehen lassen. Er hat kürzlich beim Filmfest München einen Förderpreis erhalten und wurde zu den Filmfestivals in San Sebastian und Toronto eingeladen. Und nun ist er, als einer von fünf Kandidaten in der Kategorie abendfüllender Spielfilm, bei den First Steps Awards nominiert. Doch dieses hochspannende Experiment ist da keineswegs ein Einzelfall. Bei den First Steps - sie werden in genau drei Wochen in Berlin verliehen - werden alljährlich die besten Abschlusswerke von deutschen Filmhochschulen prämiert. Und da dominieren in diesem Jahr Reisen, Fluchten und Aufbrüche ins Ungewisse.

"Kriegerin" von David F. Wnendt (HFF Babelsberg) handelt von einer jungen Rechtsradikalen, die voller Hass ist, einen Asylanten absichtlich überfährt, aber danach von Gewissensbissen geplagt wird und schließlich aussteigen will. In "Vergiss dein Ende" von Andreas Kannengießer (ebenfalls Babelsberg) lässt eine ältere Frau, die mit der Pflege ihres Alzheimer-kranken Mannes überfordert ist, ihren Sohn allein mit dem Kranken. Ein besonderer Reiz des Films besteht darin, dass der junge Regisseur dafür Renate Krößner, ihren einstigen Lebensgefährten Hermann Beyer und den gemeinsamen Sohn Eugen Krößner besetzen konnte. In "August" von Mieko Azuma (Filmhochschule München) reist eine junge Deutsche nach Hiroshima, den Ort ihrer Kindheit. Weil ihre demente Mutter jede Erinnerung daran verloren hat, sucht sie ihren eigenen Zugang zu dieser Stadt.

Und dies sind nur Kandidaten für den abendfüllenden Spielfilm. In der Kategorie der mittellangen Filme handelt "Fort-Sxvagan" von Tinatin Gurchiani (Babelsberg) von einem jungen Paar, das nach dem Selbstmord eines Freundes alles verbrennt und sich auf eine ziellose Reise durch Georgien macht. In "Oshima" von Lars Henning (Kunsthochschule für Medien Köln) verpasst ein japanischer Geschäftsreisender einen Anschlussflug, lässt sich durch die Stadt treiben und verschwindet am Ende ganz. In "Stille Wasser" von Anca Miruna Lazarescu (HFF München) riskieren zwei Rumänen ihr Leben, um dem Ceausescu-Regime zu entfliehen. Und in "Raju" von Max Zähle (Hamburg Media School) reisen zwei Deutsche nach Indien, um ein Kind zu adoptieren, und werden dort ausgebootet.

Es hat bei First Steps immer wieder Themenschwerpunkte gegeben. Es gab ein regelrechtes "Mädchenjahr", in dem 13- bis 16-Jährige vorschnell erwachsen werden mussten. Und im letzten Jahr markierte Gewalt unter Kindern und Jugendlichen den bis dahin auffälligsten Topos. Dafür gab es sogar eine Erklärung: Der Selbstmord eines Häftlings in einer Strafvollzugsanstalt hatte gleich zwei Regisseure zu Gefängnisfilmen inspiriert. In diesem Jahr lässt sich die Frage, wie es zu einer solchen Themenanhäufung kommt, nicht so leicht beantworten.

Natürlich kann man in derartigen Aufbruchsszenarien immer auch einen Spiegel der eigenen Situation festmachen: Studenten, die nach ihrem Abschluss in eine ungewisse Zukunft entlassen werden. Interessant aber ist, dass bei dem Filmnachwuchs nicht klassische Themen wie erste Liebe oder andere Adoleszenz-Konflikte vorherrschen. Von Nabelschau keine Spur. Stattdessen arbeiten sich die Jungregisseure an Reiz- und Tabuthemen ab.

"Diese Risikobereitschaft zu unterstützen ist das Anliegen, das wir bei First Steps haben", sagt Andrea Hohnen, die Programmleiterin des Preises. "Wir möchten den Absolventen Mut machen: Traut euch was!" Es gibt keine Vorgaben, auch nicht an die unabhängigen Jurys, die über die Preisgelder im Wert von insgesamt 72 000 Euro entscheiden. Aber der Anspruch geht in diese Richtung: "Gesucht wird weniger der 'perfekte Film' als die persönliche Handschrift eines Filmemachers, von dessen zukünftigen Arbeiten Impulse auf die Film- und Medienkultur zu erwarten sind."

Moderator im Gewissenskonflikt

Das lösen in diesem Jahr, so viel darf man schon verraten, ungewöhnlich viele Beiträge ein. Über den deutschen Filmnachwuchs muss man sich also keine Sorgen machen. Höchstens darum, wo denn die vielen talentierten Absolventen, die da jedes Jahr auf den Markt gespült werden, in der Branche unterkommen werden.

Moderiert wird die Verleihung dieses Jahr von Clemens Schick. Der Schauspieler arbeitet gern mit Jungregisseuren zusammen, hat auch wiederholt in First-Steps-Filmen mitgewirkt. Und doch befindet er sich nun in einem Dilemma. Mit Regisseur Sergej Moya will er demnächst "Hotel Desire" drehen. Auch dieser Film ist ein Aufbruch ins Ungewisse: Das Budget von 170 000 Euro soll innerhalb von 80 Tagen allein über Spenden im Internet finanziert werden. 85 917 Euro wurden gestern, am Tag 58, auf der Website verbucht. Wenn bis zum 23. August nicht genug zusammen kommt, wird die Summe First Steps gespendet. Der Schauspieler Schick muss also hoffen, dass das Finanzierungsmodell funktioniert, der Moderator Schick, dass es misslingt.