Roland Schimmelpfennig

Heute in Salzburg, morgen in Berlin

Das nennt man ein Dreamteam: Der Mann schlägt der Schreckensfrau das Haupt ab und reist damit durch die Welt. Das gräuliche Maskottchen besiegt alle Feinde. Wer heute das kunsthistorisch ungemein fruchtbare Mythenmodell von Perseus und Medusa für erotische Zwecke bemüht, ist entweder ein Scharlatan oder ein Dichter.

Roland Schimmelpfennig gehört ohne Zweifel zur letzteren Gattung. Deutschlands meistgespielter Gegenwartsdramatiker verdankt solche Ausnahmestellung gerade jenem Hauch der Poesie, der seine Stücke belebt. Stets haben Schimmelpfennigs Geschichten einen doppelten Boden: Unter der Ebene des Realen liegt die des Fantastischen.

Nach dem Tod von Jürgen Gosch ist Schimmelpfennig der beste Regisseur seiner Werke. "Die vier Himmelsrichtungen" hat er nun bei den Salzburger Festspielen, als Koproduktion mit Berlins Deutschem Theater, selbst uraufgeführt. Wieder mit Hilfe seines Leibbühnenbildners, Johannes Schütz. Diesmal ersann der Meister der Reduktion eine Art Manege unter freiem Himmel. Wolkenschwaden wabern durch den Raum, die Sterne, zu denen der Heros Perseus einst aufstieg, blicken herab und versinken im Lauf des Abends.

Der Zufall, der in der Literatur immer Schicksal ist, führt vier Personen zusammen. Sie kommen, wie es sich für ein Märchen gehört, aus Westen, Osten, Norden und Süden. Ein allzu rasender Lastwagenfahrer verliert in einer Kurve seine Fracht. Er gerät auf die schiefe Bahn, erschießt einen Schlachthofdirektor, verliebt sich in eine Kellnerin, die er mit dem verheißungsvollen Spruch anmacht, sie sei seine Medusa, er ihr Perseus. Freilich hat die Erwählte schon einen anderen erwählt. Auch er ist bereits gebunden - an Madame Oiseau, die Wahrsagerin. Sie kennt die Zukunft, nur die eigene nicht. Zwischen den beiden Männern findet ein Kampf auf Leben und Tod statt.

Im Grunde wird das Ganze bloß erzählt, nicht gezeigt, sondern durch Sprache und ein paar Gesten beschworen: Wir müssen sozusagen mit den Ohren schauen lernen. Diese Dramatik der indirekten Rede treibt die Künstlichkeit der Fabel auf die Spitze. Sätze werden leitmotivisch wiederholt, in der ewigen Wiederkehr des Gleichen waltet das Gesetz der Unausweichlichkeit: Das Geschehen nahm seinen unabänderlichen Lauf.

Kein Wunder, dass derlei allerhöchste Schauspielkunst erfordert: Artisten, Jongleure, Hochseilakrobaten der Worte. In Ulrich Matthes und Almut Zilcher, in Kathleen Morgeneyer und Andreas Döhler hat Schimmelpfennig sie gefunden. Ein hinreißend aufeinander abgestimmtes Quartett. Einzeln treten sie nach vorne, halten ihre Monologe ins Publikum, vereinigen sich zum Chor. Szenen werden angerissen, Rollen vertauscht. Alsbald zieht uns die Aufführung in eine Atmosphäre des Wachtraums. Frei von modischen Videoschnipseln inszeniert Schimmelpfennig, auf der Zeitebene hin- und herfahrend, an Fellini erinnerndes Filmtheater, er schafft einen Kosmos von bedrohlicher Schönheit des Mehrdeutigen. Das Ungefähre erzeugt bestenfalls Kunstgewerbe, wenn nicht gar Kitsch, das gefährlich Ungefähre im Glücksfall Kunst. Hier, im Salzburger Landestheater, wird das Leben dank der abgründigen Leichtigkeit der Darstellung zum schwarzen Zirkus. Das Röcheln der Medusa ist so unheimlich wie Mona Lisas Lächeln geheimnisvoll. Aus dem Körper der von Perseus Enthaupteten aber entsprang Pegasos. Das geflügelte Pferd, das mit einem Hufschlag jene Quelle auf dem Musenberg Helikon zum Fließen brachte, aus der die Dichter trinken. Schimmelpfennig reitet wieder. Demnächst in Berlin.