Kinofilm "Super 8"

E.T.s großer Bruder

Schluss mit dem Horror vom Reißbrett. Weg mit dem ewig gleichen, austauschbaren, verwechselbaren Effekte-Kino. Am Donnertag kommt ein Film in unsere Kinos, der die filmhistorische Uhr ein wenig zurückstellt und uns die Ernsthaftigkeit des alten Kinos zurückschenken will, als es nicht nur darum ging, die absurdeste Action am Computer zu simulieren, sondern noch richtige Geschichten erzählt wurden.

Kein Zufall, dass dieser Film im Sommer 1979 spielt. Zu einer Zeit, als die digitale Revolution noch ferne Zukunftsmusik war. Kein Zufall aber auch, dass hier Kinder, 13-Jährige die Hauptrolle spielen, die noch unbedarft und naiv sind, wie das Kino vielleicht auch.

Nichts für kleine Kinder

Joe (Joel Courtney) und seine Freunde drehen einen Amateurfilm. Auf dem Material, das dem Film seinen Namen gibt: Super 8. Das waren - das sei all denen gesagt, die heute nur noch Digicam und Iphone kennen, relativ unhandliche Kameras, bei denen noch echtes Filmmaterial belichtet wurde, das nicht beliebig gelöscht werden konnte. Da musste man sich noch richtig überlegen, wie man das teure Material sinnvoll einsetzt. Die Jungs (und das eine Mädchen, das sie dafür begeistern können), drehen, ganz im Stil der Zeit, einen Zombiefilm. Und schleichen sich dafür nachts auf einen Bahnhof, weil die Abschiedsszene noch emotionaler wird, wenn im Hintergrund ein Zug vorbeirast. Aber die Szene gerät nicht ganz nach Drehbuch: Denn der ganze Zug fliegt in die Luft. Und die Kids befinden sich plötzlich mitten in einem echten Horrorfilm. Erst reißen in ihrer Stadt die Hunde aus, der Strom fällt aus und Menschen verschwinden. Dann rückt auch noch die Armee ein. Und bald ist klar: In dem Zug war etwas ganz Großes, was die Militärs verheimlichen wollen. Und Spuren davon finden sich auf dem Film der Kinder.

J.J. Abrams, Erfinder der Serien "Lost" und "Alias" und seither ein in Hollywood schwer angesagter Regisseur ("MI:3", "Star Trek") war im Sommer 1979 selber 13 Jahre alt. Und hat mit seinen Freunden genau solche Super-8-Filmchen gedreht wie seine Protagonisten im Film. Abrams hat aber auch, da war er gerade mal 15, in Los Angeles ein Super8-Filmfestival organisiert. Und kein Geringerer als Steven Spielberg hat ihm dafür seine ersten eigenen Filmversuche zur Restaurierung anvertraut. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Spielberg hat nicht zufällig "Super 8" mitproduziert; und "Super 8" zitiert nicht zufällig einen von Spielbergs größten Hits. Auch hier, das wird nach und nach deutlich, ist ein Außerirdischer auf der Erde, der dringend nach Hause zurück will, den böse Erdlinge aber (wie immer: Wissenschaftler und Soldaten) nicht gehen lassen wollen. "Super 8" ist so was wie E.T.s großer Bruder. Nur ist das absolut nichts für kleine Kinder.

Das Grauen, es wird uns lange vorenthalten. Eine Viertelstunde lang glauben wir uns wirklich bloß in einem Drama um einen Jugendlichen, der den Tod seiner Mutter verarbeiten muss und bald auch erste Gefühle des Verliebseins. Das allein wäre schon abendfüllend, und am schönsten ist die Überraschung sicher für denjenigen, der keine Ahnung, welche Wendung der Film macht. Auch nach dem Zugunglück geht es zwar lange merkwürdig zu, Bäume rascheln und Fahrradklingeln läuten, aber erst nach zwei Dritteln des Films tritt das außerirdische Wesen das erste Mal ins Bild. Ganz wie bei Spielbergs "Weißem Hai": Je länger man die Bestie vorenthält, desto größer der Schock, weil die Fantasie im Kopf arbeitet.

Ganz lange wähnen wir uns auch in einem Film von anno dazumal. Wie bei "E.T." fährt man hier Bonanza-Räder - ein Walkman wird uns als ganz neue Errungenschaft vorgeführt. Und die geheime Zug-Ware dematerialisiert sich in Rubicks-artige Würfel. Die Kameras, von denen wir längst gewohnt sind, dass sie nie stillstehen, sondern immerzu schwenken, zoomen und gleiten, sie rühren sich hier kaum von der Stelle. Wie das halt so war in Filmen der Siebziger. Erst ganz am Ende gibt es dann doch Computereffekte und Mega-Action. Vor allem aber fehlen die üblichen coolen und zynischen Sprüche der abgebrühten Helden. Diese Kinder haben noch richtig Angst, die Menschen echte Panik. Deshalb wird dieser Film noch lange in Erinnerung bleiben, während Vergleichswerke oft bereits nach dem Abspann vergessen sind.

Der Charme des alten Kinos

Abrams hat übrigens vor drei Jahren schon einen ganz ähnlichen Film produziert (aber nicht selbst inszeniert). "Cloverfield" war so was wie die Twen-Variante, in der Mittzwanziger mit einer Digitalkamera festhalten, wie ein Monster New York plattmacht. Aber dort wurde alles konsequent aus dieser Kameraperspektive gefilmt, mit allen Wackeleien und Unschärfen, die dazu gehörten, so dass man am Ende eigentlich gar nichts gesehen hat. Ein Eindruck, der uns beim Effekte-Kino immer häufiger beschleicht.

Mit "Super 8" zeigt uns Abrams nun, dass es auch anders geht. Dass man sich den Charme des alten Kinos - als in Hollywoodstudios noch Filmverrückte das Sagen hatten und nicht kalte Manager - bewahren kann und dennoch Filme zustande bringt, die ganz auf der Höhe der Zeit sind. Und selbst, wer Monsterfilme eigentlich kindisch und albern findet, wird hier gerührt sein, wie ein Junge für seine erste große Liebe kämpft und im Schmerz um die tote Mutter lernt, loszulassen.