Durs Grünbein

Berliner Lyriker kämpft mit den Wort-Dämonen

| Lesedauer: 6 Minuten
Andreas Rosenfelder

Tief unten in einer Schublade meines Schreibtischs liegt eine Mappe. Sie enthält einen Stoß vergilbter Blätter, beschrieben mit einer alten Reiseschreibmaschine. Das ist mein lyrisches Gesamtwerk, entstanden in jener merkwürdigen Lebensphase, die man als Adoleszenz bezeichnet.

Vor der Begegnung mit Durs Grünbein hätte ich dann doch fast ein Blatt aus der Mappe gezogen, um es mitzubringen. Immerhin stammen die Verse aus jener Zeit, als Grünbein zum Wunderkind der deutschen Literatur aufstieg. Durs Grünbein ist der Inbegriff des deutschen Dichters, seit er 1995 mit 33 Jahren den Büchnerpreis bekam - damals noch ein blasses Junggenie aus dem Osten, das in den Feuilletons fast so exotisch bestaunt wurde wie der von Kohl protegierte Jungunternehmer Lars Windhorst auf den Wirtschaftsseiten.

Nun steht Grünbein in der Tür eines Restaurants am Volkspark Friedrichshain, das schon durch den Namen "Brot und Rosen" eine fast aufdringlich lyrische Stimmung erzeugt. Und auch wenn Haarfarbe und Bartschatten ins Frostgraue spielen und er zur Begrüßung herzlich lacht, erkennt man sofort jenen jungen Mann mit Dreitagebart wieder, der auf einem Autorenfoto aus der Vorwendezeit ein wenig verächtlich in die Kamera blickt - mit Augen, die nicht nur in die Gläser der Künstlerkneipen vom Prenzlauer Berg geschaut haben, sondern auch in manches Rätsel der Existenz. Doch von der Arroganz, die seit Gottfried Benn zur Aura des kühlen Wortchirurgen gehört, ist hier nichts zu spüren - und das, obwohl wir mitten auf der Terrasse, wo Paare murmelnd ihre Pizzen kommentieren, ein laut vernehmbares Gespräch über Lyrik führen. "Sobald man das Wort erwähnt, sind die Dämonen da", ruft Grünbein und macht eine kreisende Handbewegung, als säßen die anderen Gäste auf einer Theaterbühne. "Es ist wie ein Symptom, wie ein Ausschlag. Der Lyriker ist immer ein Freak." Sein letzter Satz endet in einem Kichern, das man homerisch nennen möchte.

Seltsam, dass Durs Grünbein, der zum dunklen Sakko ein dezent fliederfarbenes Hemd trägt, in diesem Moment wirklich wie ein Freak wirkt - allerdings wie einer, der seine eigene Freakigkeit mit heiterer Gelassenheit reflektiert. Tatsächlich sitzt hier ja kein kauziger Stadtteilpoet, der seine beim Milchkaffee niedergegriffelten Beobachtungen im Eigenverlag publiziert, sondern jener Mann, der heute als Einziger Anspruch auf den Lorbeerkranz des deutschen Nationaldichters hätte, wenn dieser Titel noch verliehen würde.

"Einer musste die Rolle spielen", sagt er über den frühen Ruhm als Jungpoet, "das war die Entscheidung einiger alter Männer, ein bisschen wie bei der Ermittlung des nächsten Dalai Lama." In den anderthalb Jahrzehnten seit dem Büchnerpreis hat Grünbein beharrlich weitergedichtet, in freien und gebundenen Versen, hat Aischylos übersetzt und Essays geschrieben, seine Dresdener Heimat und das Rom der Kaiserzeit besungen. In der Medienwelt tritt er kaum in Erscheinung, doch wenn eine Zeitung ein Gedicht zu Ai Weiweis Verhaftung druckt, dann stammt es aus seiner Hand: "Mich kümmert der Patriot nicht, der Diplomat. Ich bin ganz unbedacht, ich frage nur: Wo ist Ai Weiwei?" Ich kann mir dann doch nicht verkneifen, die pathetischen Jugendgedichte zu erwähnen, auch wenn ich mich fühle wie ein Patient in der Lyriksprechstunde. Grünbein antwortet geduldig und wählt die Worte mit Bedacht: "In der Phase der sogenannten Selbstfindung schreiben sehr viele Gedichte. Aber sie hören oft auf, ohne sich selbst gefunden zu haben, und ergreifen normale Berufe." Das ist wohl, in aller Nüchternheit, eine Diagnose. "Und dann gibt es die Variante, dass man auf dem Trip hängen bleibt."

Aber ist das Lyrikersein nicht am Ende auch nur ein Beruf, der aus Lesereisen, Verlagsverhandlungen, Festreden und Auftritten im "Philosophischen Quartett" besteht? Ohne zu leugnen, dass sein Terminkalender all diese Pflichten verzeichnet, ruft Grünbein Arthur Rimbaud als Gegenbeispiel auf, jenes Wunderkind des vorletzten Jahrhunderts, das mit 21 Jahren das Schreiben aufgab, um als Waffenhändler nach Afrika zu gehen. "Gute Literatur ist kein Fabrikat, da ist kein Kalkül." Und dann zitiert er, als säßen wir in einer Mansardenwohnung um 1900 zusammen, einen namenlosen russischen Dichter mit einer Maximalforderung: "Lebe, wie du schreibst, und schreibe, wie du lebst."

Das wirkt wie ein Kalenderspruch, den jeder Juniorprofessor der Germanistik sofort ins Säurebad legen würde. Aber Grünbein verteidigt die Idee mit größter Sachlichkeit. Während ein Romanschreiber sich ständig aus dem Leben ausklinken müsse, um siebenhundert Manuskriptseiten hervorzubringen, könne der Lyriker alles in Verse übersetzen. "Er hat gereist, und er wird darüber schreiben. Er hat geliebt, und er wird die Liebe thematisieren. Manchmal geht das blitzartig, vor allem in geistigen Krisen. Manchmal kommt der Einfall erst Jahre später."

Seltsam, dass ausgerechnet Durs Grünbein diesen alten Traum von einer Universalpoesie verteidigt, die wie ein Parasitengeflecht in alle Verästelungen des Lebens hineinwuchert. Speist sich seine Lyrik nicht ebenso aus dem Lateinwörterbuch wie aus den Abenteuern der Existenz, sind viele seiner Zeilen nicht wie in Marmor gemeißelt? "Sobald es einen Reflex auf die Antike gibt, heißt es sofort: Uh, das ist Bildungslyrik", sagt Grünbein genervt, und er wirkt nicht so, als freue er sich über Leserbriefe von Altphilologen. "Man muss nur einmal durch den Saturn-Markt gehen, dann hat man mehr Mythologie."

Und wo ist die Boheme im familienfreundlichen Friedrichshain? "Boheme kann man das nicht nennen", sagt Grünbein, Vater dreier Töchter. "Das kann man nur noch still und heimlich sein. Man kann auch nur innerer Dandy, nur innerlich Flaneur sein. Und auch das darf man nicht laut sagen." Gläser klirren, Wörter perlen, Durs Grünbein blickt auf die Straße. "Es ist auch so dürftig, man hat so wenig in der Hand. Ein paar Bücher, aber die sind es auch nicht, wenn man genau hinschaut. Aber irgendwas ist es, und für mich ist es viel." Dann zieht er den Mund zusammen und denkt nach. "Es ist eine Existenzform, Dichtung ist eine Existenzform." Ein Lastwagen fährt vorüber, und in seinem Rattern erklingt ein Hexametervers.

"Manchmal kommt der Einfall erst Jahre später."

Durs Grünbein, Lyriker und Übersetzer