Kunstsache

Es gibt auch eine Diktatur der Kunst

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Tim Ackermanns

Den Mönch am Meer kennt jeder, aber was ist mit dem Skinhead im Moor? Soll der einsame Wanderer im braunen Sumpf eine Fortentwicklung deutschromantischer Naturbewunderung sein? Die Fotoausstellung von Julian Rosefeldt in der Galerie Arndt drückt sich davor, diese Frage eindeutig zu beantworten, was mir etwas feige erscheint.

Aber niemand kann abstreiten, dass der Künstler ein einprägsames Bild geschossen hat: Die vor der Naturkulisse innehaltenden Rückenfiguren Caspar David Friedrichs gehören zum Erbgut der deutschen Kunstgeschichte - nun sieht es aus, als sei eine von ihnen per Zeitmaschine ins 21. Jahrhundert gebeamt worden. In Rosefeldts Foto steht der Kahlkopf mit bloßem Oberkörper und fragwürdigem Rückentattoo im Morast. Die Ausstellung bei Arndt zeigt Filmstills - Standbilder also aus schon bekannten Videokunstwerken des Künstlers. Fast alle Aufnahmen sind ein fader Abklatsch, kompositorisch kaum interessant, inhaltlich belanglos. Doch das Foto mit dem Skinhead sitzt.

Es trifft den Nerv, und wenn man sich genauer mit dem Künstler beschäftigt, erfährt man, dass das entsprechende Video für eine Ausstellung im Schloss Sacrow aufgenommen wurde, einem Ort, an dem die innerdeutsche Grenze verlief. Rosefeldt thematisiert also das Zusammenwachsen der Nation mitsamt seiner üblen Begleiterscheinungen - wie dem erstarkten Neofaschismus in Ostdeutschland. Warum nur findet man dazu kein Wort in der Schau? (Bis 27. August, Potsdamer Straße 96, Schöneberg)

Um nationale Identität im besten Sinne geht es gerade auch in der Galerie Crone, wo die aktuelle Gruppenausstellung eine Goldmedaille in der Kategorie "Prägnantester Ein-Wort-Titel" abräumt - sie heißt einfach: "Deutsch". Keine Angst jedoch, keiner der beteiligten Künstler hat seinen Pass vorzeigen müssen. Es wird eher ganz allgemein die deutsche Kultur verhandelt. Dass letztere nicht bei Schiller und Goethe haltgemacht hat, beweist Jörg Immendorffs skizzierter Denkmalentwurf für den modernen Barden Hans Albers.

Gleich daneben hängt ein Kühlturmfoto - ein Industriedenkmal - von Bernd & Hilla Becher sowie ein Performancebild von Jonathan Meese, der sich mit seinem Motto der "Diktatur der Kunst" selbst zum Künstlerdenkmal stilisiert hat. An anderer Stelle treffen mit Leni Riefenstahls Foto "Olympia" und Marc Brandenburgs unbetitelter Zeichnung nicht nur die Porträts der Jugendkultur anno 1936 und 2004 aufeinander, sondern auch der Blick einer weißen Hitler-Verehrerin auf den eines schwarzen Ex-Punks. Pikant, pikant. Solch kuratorische Salti schlägt die Ausstellung nicht wenige und landet dabei doch niemals auf der Nase.

Kein geringes Kunststück und sehr sehenswert - so wie der prophetisch wirkende Gedenkaltar, den Daniel Megerle und Marie Rotkopf für Karl-Theodor zu Guttenberg schufen. Noch bevor der ganze Ärger mit der zusammengeschummelten Doktorarbeit überhaupt publik wurde... (Bis 30. August, Rudi-Dutschke-Straße 26, Kreuzberg)

Nach dem Besuch bei Crone könnte man noch einen Abstecher zur nahegelegenen Galerie Barbara Thumm machen, falls man zufällig nichts Besseres zu tun hat. Thumm zeigt eine Sommerausstellung, von der überraschend wenig haften bleibt. Am stärksten beeindruckt noch der 31-jährige Marius Bercea aus der gehypten rumänischen Künstlerstadt Cluj. Seine Bilder von hingestellten Menschen in Ruinenstädten erinnern mit ihren fahlen Farben an die frühen Bilder von Neo Rauch - sind allerdings allesamt absichtsvoll fleckiger gemalt. (Bis 26. August, Markgrafenstraße 68, Kreuzberg)

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien