Salzburger Festspiele

Mordversuch im Plattenstudio

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Manuel Brug

Warum dirigiert Christian Thielemann eigentlich nicht mehr Moderne? Er kann es doch! Den ganzen, fast fünfstündigen Opernabend im Salzburger Großen Festspielhaus hört man Strawinskys gehärtete Neoklassik durch, Bartóks rustikale Rhythmen, Hindemiths mürrische Sachlichkeit, Schrekers Sexualpathologie, Weills schrägschrille Holzbläser-Schlangenlinien, Bergs Dissonanz-Reibereien, Varèses Schlagwerkorgien, Schostakowitschs Blechbatterien, ja, und auch Mahlers Weltabschiedschmerz.

Koloriert ist das alles mit Geigenzucker und generös serviertem Dur-Dröhnen. Richard Strauss' größte, zumindest längste Oper, "Die Frau ohne Schatten" eben; maßlos in jeder Hinsicht.

Eine Monsterpartitur

Thielemann aber entfacht, noch rabiater als vor 13 Jahren an Berlins Deutscher Oper, von einem auf den anderen Takt hier Elfentänze und Untergangsorgasmen, gibt zynische Instrumentalkommentare und ehetröstliche Klanghilfestellung, surft durch kristallin kühle, celestaglitzernde Höhenwelten, hat den Hardcoredumpfen Brutalosound drauf und trippelt über die fein abgeschmeckten Genießerparcours. Es ist eine Lust, auch geteilt von den risikobereit hingerissen mitgehenden Wiener Philharmonikern, so analytisch souverän, ernsthaft, sich sorgsam entfaltend in diese Monsterpartitur zu hören. Richtig gespielt, so wie an diesem Premierenabend, kann das aufregender sein als "Salome" und "Elektra" zusammen; selbst die Spätlesesüffigkeit des "Rosenkavalier" scheint hier hinreichend auf.

Doch leider, leider wurde das keine sinfonische Dichtung, sondern eine Oper, die schwer an ihrer Opus-magnum-Bestimmung trägt. In Kriegszeiten geschrieben, erst 1919 uraufgeführt, von Hugo von Hofmannsthal unentschlossen zwischen Erlösungsparabel, blässlich exotischem Märchen und "Zauberflöte"-Prüfungsaufguss angelegt, von Richard Strauss überopulent musikalisch ausstaffiert, mit einem Schwanken zwischen Genialität und Kitschkiste. Da gibt es den ominösen Zauberer Keikobad und sein durch Geisterboten und Falken personifiziertes Reich. Dessen schattenlose, damit unfruchtbare Tochter ist mit dem Kaiser verheiratet, der versteinern wird, wenn sie nicht Mutter werden kann. Also will sich mit Hilfe ihrer mephistophelischen Amme den Schatten einer unglücklich verheirateten Menschenfrau holen, die ihn für Reichtum gibt, um sich so ihren Färbereialltag mit dem gutmütigen Barak zu versüßen. Die Kaiserin aber verweigert sich in letzter Sekunde, wird so menschlich, wirft einen Schatten. Der Kaiser ist gerettet, die Färberin einsichtig, und zwei Paare sind im von den Stimmen der Ungeborenen umsäuselten C-Dur-Jubel vereint. Inszenieren kann man das heute so nicht mehr.

Aber wo bei Thielemanns sinnhaft sinnlicher Ausdeutung der Partitur Reife, Rausch, Recherche, Raffinesse und Radikalität letztlich Reichtum ergeben, wo eine Strauss-Fülle des modernen Unwohllauts kein Paradox ist, da verkürzt und verrätselt die Regie von Christof Loy - auf den Spuren einer Fülle des Wohllauts. "Fülle des Wohllauts", so heißt Thomas Manns berühmtestes, oft schon dramatisiertes "Zauberberg"-Kapitel, wo der lungenkranke Hans Castorp sich im Sanatorium dem Vokalnarkotikum Opernarien auf Schelllackplatten hingibt. Loy geht noch weiter: Er verlegt die "Frau ohne Schatten", deren Fabel zwischen Zaubertrick und psychologischer Erkenntnis er gänzlich misstraut, in ein Plattenstudio, wo die schönen Töne gerade eingespielt werden. Sänger und Operncharaktere überlappen sich - ohne Kausalität, wir kennen nicht deren Privatgeschichte und erfahren auch nichts über die Bühnenhandlung. Die von den Autoren so strickt getrennten Welten verschwinden unscharf im Ungefähren, wenn es kompliziert wird, leuchtet die rote Studiolampe und es wird, sich an den Verständnisklippen des Stückes feige vorbeimogelnd, einfach nur gesungen.

Johannes Leiacker hat dafür zweistöckig und bühnenfüllend mit Goldbalkongalerien, roten Samtvorhängen, Stuck, Lüstern und Gipsfiguren einen der 2001 abgebrannten Wiener Sofiensäle kopiert. Die waren früher ein Vergnügungsetablissement und wurden ab den Fünfzigerjahren von der Decca für ihre Wiener Plattenaufnahmen, etwa für den Solti-"Ring" und alle berühmtem Karajan-Einspielungen mit den Philharmonikern genutzt. Diese sitzen also jetzt live davor im Graben, während oben auf der Bühne die historische erste Gesamteinspielung der "Frau ohne Schatten", 1955 unter Karl Böhm, nachgestellt wird.

Menschen mit Koffern

Natürlich bietet das alles kaum unterhaltsame Schauwerte, wenn in Marthaler-Manier Probiermamsellen die Pausenverköstigung vorbereiten, Aufnahmeleiter, Assistenten, Sekretärinnen und Hausmeister herumschlurfen. Ab und an bricht Loy sogar die Parallelwelten auf, wenn plötzlich eine Revuetruppe erscheint, deportationsbereite Menschen mit Koffern die damals jüngste Vergangenheit als "Schatten" manifest werden lassen sollen oder die Sängerin der unfruchtbaren Kaiserin das Studiopersonal plötzlich als Kinder wahrnimmt. Das sind szenisch ergiebige, letztlich in die Irre führende Ablenkungen. Ebenso der Schluss, wenn das hymnische Finalquartett als Weihnachtkonzert mit Sängerknaben und Österreichflaggen ironisch zelebriert wird.

So zäh sich dieses anfänglich interessant scheinende Regiekonzept zieht, so vehement fallen im Lauf des überlangen, am Ende erschöpft beklatschten und bebuhten Abends die vokalen Defizite auf: der farblose Kaiser Stephen Gould hat sich schnell heiß gesungen, die als Erscheinung anrührende Anne Schwanewilms kämpft mit Höhenproblemen. Die als Rösslwirtin in Lodengrün ausstaffierte Amme von Michaela Schuster ist nie wirklich dämonisch. Evelyn Herlitzius' Färberin verlässt sich auf ihre immer hysterischere Bühnenpräsenz, während Wolfgang Koch als stets dankbarer Barak kaum kantiges Profil gewinnt.