Martin Walser

Einer zum Liebhaben

Percy hätte übers Wasser gehen können, das hätte ihm einiges abgekürzt. Anton Percy Schlugen - der könnte so was. Der ist schließlich ein "Engel ohne Flügel", der "ist geleitet", der ist das Jesusähnlichste, was die deutsche Literatur in Jahrzehnten zuwege gebracht hat. Ein Luftgänger und die Hauptfigur von Martin Walser neuem Roman "Muttersohn".

Aus dem will der 84-jährige lesen im Literarischen Colloquium (LCB) am Wannsee. Und von der Landseite, deshalb beginnt man Percy, den Luft- und bestimmt auch Wassergänger, schnell zu beneiden, ist die LCB-Villa heute eher schlecht zu erreichen.

Man muss nämlich Schlange stehen, ganz lange. Deutlich mehr Leute sind zur Berliner Lesung gekommen als bei der "Muttersohn"-Urlesung in Bad Schussenried. Das ist immerhin in Walsers Herzland Oberschwaben. Im Kloster von Schussenried hatte Walser noch damit kokettiert, dass er fast ein wenig Angst habe, mit seinem barocken, katholischen Roman in den glaubenskalten, protestantischen Norden zu gehen. Das mit dem Glauben, um den sich in "Muttersohn" beinahe alles dreht, würde im Norden doch keiner kapieren. Er müsse sich wohl in Zukunft von einem Teil seiner Leserschaft verabschieden, sich mit einer Region zufrieden geben, dem Bodenseegebiet, seinem katholischen Herzland. Nichts da.

Es ist ein ähnlich schöner Abend wie am 11. Juli im Kloster Schussenried, wo "Muttersohn" zu großen Teilen spielt. Am Himmel lösen sich die letzten Wolken auf. Es ist recht warm. Ist ja selten geworden. Man steht gern an. Umringt von älteren Damen, die bangen, ob sie noch einen Platz bekommen drinnen. Sie müssen nicht bangen. Die Literatur sitzt im Saal, ein Großteil des Publikums aber sitzt draußen auf Stufen, auf Stühlen, an Tischen. Walser spricht zum Volk aus dem Lautsprecher - Public Listening.

Die Leute schauen auf den See hinaus, während er redet und liest. Ein Schiff gleitet vorbei. Hin und wieder schlägt eine Glocke an. Und Walser erzählt Geschichten. Über Peter Suhrkamp und wie er ihn mit T. S. Eliot einschüchtern wollte, um ihn dazu zu bringen, eine Szene aus "Ehen in Philippsburg" zu eliminieren (hat nicht geklappt, Martin Walser ließ sich schon in den Fünfzigern nicht einschüchtern, von T. S. Eliot schon gleich gar nicht).

Der nächste Roman spielt in Berlin

Dönekes aus seiner Zeit am Stuttgarter Theater erzählt er. Über seine Mutter und ihre große Lebensangst. Wie ihm Percy unter die Feder kam und er ihm dann folgen musste in eine Helligkeit und Leichtigkeit, wie sie noch nie war in Walsers Werk. Dass er genug hat davon, seine Figuren leiden zu lassen. "Verschtehscht", sagt er immer wieder. Die Literaturkritik wird gezauselt, aber weniger als sonst. Vom Glauben erzählt er viel. Dass er das Jesus-Buch des Papstes gelesen hat (den ersten Band wenigstens), gibt er zu Protokoll. "Eine Art Parallelunternehmen" zu seinem Roman. Die Leute lachen. Entspannung legt sich über den Garten.

Und dann liest er. Singt seinen Text geradezu. Warum auch nicht? "Man wird doch noch psalmodieren dürfen", sagt sein Percy mal. Walser liest das Best-of-Percy. Seine Bergpredigten, sein Auftritt in der Talk-Show. Seine Liebesbriefe. Walser liebt seinen Percy. Man muss Percy aber auch lieben - was einem mit nicht vielen Walserschen Figuren gelingt. Er ist ein Liebhaber des Lebens, dieser Muttersohn, der soviel von Walser hat und soviel von dem, was Walser gern hätte. Und er passt perfekt. Percy, der Liebende, der neue Jesus ist die Verkörperung eines mitfühlenden, christlichen Westens, ist die die Gegenfigur von Anders Behring Breivik, jenes mörderischen Muttersöhnchens aus Oslo, das nichts ist als die Verkörperung der wahnsinnigen Verdrehung aller westlicher, christlicher Werte.

Aber vielleicht versteigen wir uns. Es wird kühl. Die Sonne ist weg, die ersten gehen. Walser ist noch gut im Schwung. "Verschtescht", sagt er wieder und tätschelt dem Moderator Denis Scheck - man sieht es geradezu beim Hören - den Arm. Alle sind sie aufgeräumt auf dem Podium. Walser-Biograph Jörg Magenau zeichnet profund Wege durch Walsers Werk, Wege auch zum Glauben. Walser fühlt sich wohl. Mit soviel Wärme aus dem Betrieb hätte er nicht gerechnet. Und lässt leger noch einen raus am Schluss. Dass in seinem ganz neuen Roman vom Barocken keine Spur mehr sein wird. Keine Deckengemälde. Aber immer noch viel Glaube. Eine Theologin ist die Hauptfigur, eine protestantische. Und sie wohnt in Berlin. In Zehlendorf. Um die Ecke also.

Man geht, und wundert sich, wie leicht. Man könnte jetzt gut auch übers Wasser gehen. Und das mit einem ziemlich deutschen Roman im Kopf. Merkwürdig.

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