Dirigent Riccardo Muti wird 70

Er mag streng sein, aber keiner am Pult sieht besser aus

Bei den Berliner Philharmonikern ging er ein und aus, solange Herbert von Karajan Chef war. Inzwischen kommt er seltener. Gerüchte, er sei einfach zu teuer, hat Riccardo Muti stets mit dem Hinweis entkräftet, sein Herz schlage, das müsse er zugeben, nun einmal für den weichen, flimmernden Klang der Wiener Philharmoniker.

Seiner Beliebtheit in Berlin hat dies keinen Abbruch getan. Liegt es daran, dass Riccardo Muti der wahrscheinlich bestaussehende Dirigent der Nachkriegszeit war?

Der Pult-Beau aus Neapel gilt vielen außerdem als ein gestrenger, zu Wutausbrüchen aufgelegter und mit wuchtiger Präzision operierender Maestro alten Schlages. Ob durch Scharmützel mit Regisseuren, Tenören oder mit dem Publikum, das mehr hohe C's von ihm verlangt als der Komponist erlaubt: Spätestens seit Muti im Streit mit der Mailänder Scala 2005 dem wichtigsten Opernhaus Italiens den Rücken kehrte, seit er die Berliner Philharmoniker eher meidet und vorwitzig darauf besteht, Barockmusik mit modernen Orchestern zu pflegen, hält man den Mann für einen Ausbund imperialer Selbstherrlichkeit. Für eine letzte Bastion dirigentischer Superiorität.

Muti ist aber ganz anders. Schon, wer den Mann jemals unbändig über das ganze Gesicht hat lachen sehen, wie es zuweilen geschieht, den müssen Zweifel überkommen an der herrischen Fassade. Im Februar kippte Muti während einer Schostakowitsch-Aufführung beim Chicago Symphony Orchestra bewusstlos vom Pult. Seitdem bröckelt sein Ruf einer Gesundheit von Erz. Er habe ein Leben lang mit Herzrhythmus-Störungen zu tun gehabt, betonte er nachher in einem Interview.

Muti, ein schüchterner und nur in der Öffentlichkeit streng wirkender Mann, glänzt in Wirklichkeit durch Dezenz, Bescheidenheit und eine in der Branche nicht eben übliche Ehrlichkeit. "Ich spiele nicht in derselben Liga wie Karajan", bekannte Muti vor einigen Jahren kleinlaut. An Karajans Wohnort Anif (bei Salzburg) hat er sich aus lauter Verehrung sogar angesiedelt. Den "wahren Muti", so sagt Muti, lerne man kennen, wenn man ihn sich stundenlang im Auto Richtung Apulien bretternd vorstellt. Dort besitzt er ein Grundstück, mit Blick auf Castel del Monte, das Schloss des Staufer-Kaisers Friedrich Barbarossa. Muti liebt es, in seinem Garten Steine zu schleppen.

Musikalisch bemühte er sich stets, aus der Spezialisierung auf Opern keine Beschränkung werden zu lassen. Er mag trotzdem nie ein wirklich idiomatischer Bruckner- oder Schubert-Dirigent geworden sein. Doch er entwickelte auf dem Umweg seiner Chefdirigententätigkeit beim Philharmonia Orchestra (als Nachfolger Klemperers) und beim Philadelphia Orchestra (als Nachfolger von Eugene Ormandy) einen symphonischen Klanggeist, den er gewinnbringend in Verdi und Puccini investierte. Genau dies hat ihn zum besten Dirigenten dieses Repertoires seit Toscanini und Tullio Serafin gemacht. Ingeniöse Aufnahmen von "Aida" (mit Montserrat Caballé) oder "Don Pasquale" (mit Sesto Bruscantini) beweisen es.

Als Muti 2010 sein Engagement an der Oper Rom kurzfristig absagte, war dies kein Zeichen verletzter Eitelkeit. Sondern ein Warnschuss. Bei einer römischen "Nabucco"-Premiere im März dieses Jahres forderte er nach dem berühmten Gefangenenchor das Publikum auf, in das "patria perduta" ("verlorene Heimat") lautstark einzustimmen. Sein Land sei verloren, wenn es so weitergehe! Der verhärtete Glanz von Riccardo Muti zeigt nichts anderes als die Empfindungsfähigkeit eines Künstlers, der als Jetset-Star im Grunde missverstanden wurde. Heute wird er siebzig Jahre alt.

"Ich spiele nicht in derselben Liga wie Herbert von Karajan"

Ricardo Muti,Dirigent

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