Geitels Geschichten

Der Horowitz unter den Dirigenten

Er war ein Mann, der mit dem Kopf durch die Wände ging. Leider auch durch die politischen, und das rächte sich bitter. Wilhelm Mengelberg, der Chef des Amsterdamer Concertgebouw-Orchesters, folgte einer Einladung Wilhelm Furtwänglers nach Berlin.

Am 2. Dezember 1940 dirigierte er die Philharmoniker in der alten Philharmonie. Ich war natürlich dabei. Ein Genie wie Mengelberg konnte ich mir nicht entgehen lassen. Ich denke noch immer mit Bewunderung an ihn zurück.

Auch Mengelberg hat zweifellos die Erinnerung an damals bis ans Ende seiner Tage nicht verlassen. Das befreite Holland verpasste ihm durch seinen "Ehrenrat" nach dem Krieg ein Berufsverbot. Mengelberg sah sich in die Schweiz verbannt, und dort ist er 1951 gestorben. Bis vor wenigen Jahren war es unstatthaft, in Amsterdam seinen Namen zu nennen. Erst jetzt kehrt allmählich die Erinnerung an ihn gnadenhalber zurück.

Der Wahrheit die Ehre: Ich habe Mengelbergs Berliner Kriegs-Konzert sehr genossen. Er gehörte in die Spitzengruppe der damals wegweisenden Dirigenten. Von denen aber gab es vielleicht allzu viele, an der Spitze natürlich Toscanini. Der lieferte sich prompt in Amerika mit Mengelberg wahre Taktstockschlachten, in denen Mengelberg am Ende unterlag. Das Orchester schlug sich deutlich auf Toscaninis Seite. Eine derartige Entscheidung traf später auch den Busoni-Schüler Dimitri Mitropoulos. Während seiner Proben blickten mehrere Orchestermusiker ostentativ in Zeitungen statt in die Noten. Es bedarf schon einer dicken Haut, mit Elite-Orchestern klar zu kommen.

Mengelberg fiel die knifflige Aufgabe zu, in Amsterdam überhaupt erst einmal eins aufzubauen. Schon 1920 wagte er es, mit dem Concertgebouw-Orchester einen kompletten Mahler-Zyklus aufzuführen. Er liebte es, Allgemeingültiges in Höchstpersönliches zu verwandeln. Das kreidete die Musikwissenschaft ihm immer wieder an, übersah aber dabei gern, dass Mengelberg mit dem Neuen, weitgehend Unbekannten Furore zu machen verstand.

Übrigens nicht nur beim Publikum. Auch bei Komponisten. Richard Strauss widmete ihm seine Tondichtung "Ein Heldenleben". Es klang tatsächlich wie ein Porträt Mengelbergs, des begeisterten und begeisternden, mitunter geradezu blindwütigen Selbstdarstellers.

An den Schluss seines Berliner Kriegs-Konzerts setzte er ausgerechnet Liszts "Les Préludes": das musikalische Donnerwort, das die Nazis nicht müde wurden, ihren Siegesbotschaften im Rundfunk voranzuschicken. Natürlich stürmte ich damals wie immer das Künstlerzimmer der Philharmonie, um den Meister mit meinem Autogrammbuch zu belästigen. Er nahm es freundlich auf. Sein Namenszug ist einer der mächtigsten in meiner Kollektion. Mit Kleinigkeiten gab sich Mengelberg nicht ab. Er wusste durchaus, wer er war.

Schließlich hatte man ihn längst in den Rang eines "Horowitz unter den Dirigenten" erhoben. Aber das wussten natürlich alle, die wir gerade seine Interpretation der 4. Sinfonie Schumanns gehört hatten. Mit einer Cherubini-Ouvertüre hatte er begonnen. Er ließ von Berlins Parade-Bariton Karl Schmitt-Walter die Arie des Gomatz aus Mozarts "Zaide" singen, und der wurde später noch einmal gebraucht: für das Requiem für Bariton und Orchester von Rudolf Mengelberg, dem Neffen des Dirigenten. Zweifellos ein ungewöhnliches Programm. Sicherlich hätte Mengelberg eine Mahler-Sinfonie vorgezogen.

Man hat ihn gern den "Napoleon des Orchesters" genannt. Sein Nachruhm nahm allerdings Schaden, nicht nur durch die schandbare politische Entscheidung, seinem Vaterland gegenüber. Seine exzessive romantische Haltung hatte sich überlebt. Man begann sich der Nüchternheit in die Arme zu werfen, der interpretatorischen Zurückhaltung. Die aber war nun einmal Mengelbergs Sache nicht. Ein Adler bleibt immer ein Adler.

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern