Festspiele

Wagners Wartburg, ein Vernichtungslager?

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Volker Blech

"Ich bin der Welt noch einen ,Tannhäuser' schuldig", prangt gegen Ende auf der Videoleinwand im Bühnenhintergrund. Damalige Selbstzweifel Richard Wagners, heute eine Entschuldigung? Am Premieren-Fiasko des "Tannhäuser" zum Auftakt der Richard-Wagner-Festspiele ist keinesfalls der Komponist schuld, das haben sich der Regisseur Sebastian Baumgarten und sein Bühnenbilder Joep van Lieshout selbst eingebrockt.

Der Buhsturm bricht nach Verklingen des letzten Tons los. Das Publikum, das heutzutage einiges gewohnt ist, irrt selten. Alle Sinnlichkeit der Oper ist diesmal völlig auf der Strecke geblieben. Das finstere Mittelalter war gestern, die Zukunft ist noch düsterer. Das Inszenierungsteam hat versucht, eine Dystopie auf die Bühne zu bringen. Dystopien sind die bösen Schwestern der Utopien und haben in der Opernwelt, in der von Anbeginn mehr oder weniger glaubwürdig um eine bessere Gesellschaft, um Ideale, um Selbstverwirklichung gerungen wird (Scheitern inbegriffen), eigentlich nichts zu suchen. Wagners Tannhäuser ist ein Suchender, bei Baumgarten ein Gezwungener. Seine dystopische Gesellschaft ist eine totalitäre Gemeinschaft mit repressiven Verhaltensmustern, die Hauptdarsteller verlieren nicht nur ihre Freiheit, sondern auch an Größe, an Charakter, an Mitgefühl.

Diese Anti-Utopien sind Geisteskreaturen seit Beginn der Industrialisierung. Und so hat der Niederländer Joep van Lieshout ein übermächtiges Bühnenbild gebaut, das eine hochmoderne, fast futuristische Wiederaufbereitungsanlage zeigt. Allerdings versteht die menschenverachtende Fabrik im Publikum nur, wer das Programmheft gelesen hat. Der Bühnenbildner misst seiner Installation gar die Hauptrolle zu. Tatsächlich ist sie mit all ihren Etagen, Apparaturen, Schläuchen übermächtig, wird vom Regisseur letztlich kaum bespielt und von den Solisten szenisch nicht beherrscht. Joep van Lieshout sieht diese Fabrik von Sklaven betrieben, die ihre Exkremente eingeben, woraus man Biogas gewinnt, das wiederum in Nahrung und Alkohol verarbeitet wird. Schließlich wolle man ja fröhliche Teilnehmer und keine Revolutionäre. Was für ein Zynismus.

Ein Käfig voller Narren

Die düstere Vision hat einen historischen Background und viele Vorbilder. Nicht zuletzt hat der Sience-fiction-Film "Soylent Green" ("Jahr 2022... die überleben wollen") von 1973 eine ganze Generation mit Bildern geprägt. Dieser ersten Öko-Dystopie über Überbevölkerung, Nahrungsmangel und industriellem Kannibalismus ging der Bericht "Die Grenzen des Wachstums" des Club of Rome voraus. Neben dem Kino hat sich gerade auch die Punkszene dem Grauen eines synthetischen Lebensmittels aus Leichenteilen angenommen. Die Ärzte sind etwa aus der Berliner Punkband Soilent Grün hervorgegangen. Und Baumgarten zitiert jetzt für seine Szenenüberschriften Titel von Rammstein. Es verklärt eher das Martialische, Selbstzerstörerische als dass es den "Tannhäuser"-Konflikt zwischen Ordnung und Rausch erhellt.

"Laichzeit" ist die erste Szene im Venusberg überschrieben. Es ist ein Käfig im Untergrund der Fabrik. Es ist ein Käfig voller närrischer Affen, die nichts anderes im Sinn haben als zu kopulieren. Das Tier im Menschen, später werden die Sünder sich brav in den Pilgerchor einreihen. Auf der Wartburg vegetiert eine totalitäre Sekte vor sich hin. Die Inszenierung bleibt ein Spiel mit kaum oder missdeutbaren Chiffren. Links steht ein Holzverschlag, der Pilgerweg nach Rom, mit der Aufschrift "Rom 451", eine Anspielung auf Truffauts Sci-fi-Dystopie "Fahrenheit 451". Bei dieser Temperatur entzündet sich Papier, im Film wird die Literatur verbrannt. Auf der rechten Seite der Bühne befindet sich ein Biogasbehälter mit dem Kürzel AVL. Das steht für Atelier van Lieshout. Im Rotterdamer Hafen hat man vor zehn Jahren einen eigenen autonomen Stadtstaat "AVL-Ville" gegründet, den die Behörden gar nicht lustig fanden. Aber Baumgarten hat keinen Spaß an der anarchischen Spielstadt seines Bühnenbildners, lieber sucht er nach Täterfantasien im Umgang mit den Apparaturen. Und unglücklicherweise verfällt der Regisseur doch wieder auf Bilder der braunen Vergangenheit. Bereits im zweiten Akt wird für die Wartburg-Fabrik ein Werbefilm mit Nazi-Ästhetik eingespielt, eine sehr nackte Frau geistert um die "Wiederaufbereitungs"-Apparaturen herum. Dass die verzweifelte Elisabeth am Ende in die Biogas-Kammer geht, ist mehr als geschmacklos.

Gefeiert wird der Chor

Wagners Wartburg, ein Vernichtungslager? Auch Regisseure haben, bei aller künstlerischen Freiheit, verantwortungsvoll mit Grauen der Vergangenheit umzugehen. Bei "Tannhäuser" ist es ein tragischer Fehlgriff, und wieder einmal muss Wagner für Dinge herhalten, die mit seinem künstlerischen Werk nichts zu tun haben. Dass die schwangere Venus zum Schluss einen Jung-Tannhäuser auf die Welt bringt, ist eine hilflose Auflösung. Der Vergebungsgedanke gehört zu Wagners Utopien, aber eben nicht in Baumgartens seelenlose Gesellschaftsanalyse.

Der übermächtigen Wartburg-Installation sind die Künstler weitgehend ausgeliefert. Mit Ovationen gefeiert sah sich am Ende der Chor, der eigentliche Hauptakteur. Die Choristen haben voller Pathos und Klangschönheit der Düsternis entgegen gesungen. Wobei das Zusammenwirken mit dem Orchester nicht gänzlich reibungslos verlief. Dirigent Thomas Hengelbrock brachte bei seinem BayreuthDebüt die Erfahrungen aus dem Barockmusik-Betrieb mit, was im Publikum sehr gespalten aufgenommen wurde. Hengelbrock setzte mehr auf das Architektonische der Partitur, vom filigranen Detail bis hin zum vollmundigen Aufbegehren. Wagnerianer werden den typischen "Tannhäuser-Sound", das schwerblütige Pathos, das Ekstatische vermisst haben. Genau genommen präsentierte Hengelbrock im Orchestergraben das, was die Szene schuldig blieb: Verinnerlichung. Die Solisten fühlten sich hörbar wohl unter seiner Leitung. Einige leisteten trotzdem Beachtliches: Vor allem Sopranistin Camilla Nylund verlieh der blonden Elisabeth einen jugendlich strahlenden Charme, bis in den Untergang. Aber das reichte nicht.