Bayreuth

"Dieser Tag kann eine Brücke schlagen"

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Volker Blech

Der junge Tel Aviver Musiker Dan Erdmann war mit seinem Vater dabei, als Stardirigent Daniel Barenboim vor zehn Jahren in Israel mit seiner Berliner Staatskapelle Wagner aufführte. Er kann sich gut an das Konzert erinnern, sagt er, an die lautstarken Proteste und die vierzig, fünfzig Leute, die empört den Saal verließen.

Für Holocaust-Überlebende kann Wagners Musik bis heute eine Seelenpein sein, weshalb die Aufführung immer noch als ein gewisses gesellschaftliches Tabu in Israel gilt.

Jetzt sitzt Dan Erdmann selbst als Bläser in einem israelischen Orchester, das erstmals Wagner im Konzert spielte. Und das obendrein noch in Bayreuth, dessen Festspiele Hitler einst liebte und förderte, obendrein mit der Wagner-Urenkelin Katharina Wagner als Schirmherrin. Im Vorfeld gab es also in Israel Proteste und Versuche, das Gastspiel zu verhindern. Ein Antrag an die Knesset war vorbereitet, um dem Israel Chamber Orchestra (ICO) staatliche Unterstützungen zu kürzen, was schnell abgeschmettert wurde. Das Konzert fand gestern Vormittag statt, in der Bayreuther Stadthalle im Rahmen einer städtischen "Liszt"-Reihe, also nicht bei den Wagner-Festspielen auf dem Grünen Hügel, und war fürs Orchester ein beachtlicher Erfolg.

ICO-Chefdirigent Roberto Paternostro, ein ausgewiesener Wagner-Dirigent aus Wien und Initiator des Konzerts, hatte auf einer Pressekonferenz zuvor betont, dass es sich bei dem Gastspiel nur um einen musikalischen Vorgang und nicht etwa um etwas Politisches handelt. Was aber nur ein Musiker behaupten kann, denn gleichzeitig versicherten sich alle Seiten der großen Symbolik dieses Konzerts. Bayreuths Oberbürgermeister Michael Hohl bezeichnete das Gastspiel als "späten, symbolträchtigen Sieg der Toleranz, der Kunst und Kultur über die Barbarei der NS-Diktatur". Das Orchester wiederum ist der Überzeugung, "dass dieser historische Tag eine Brücke schlagen kann zu Dialog und Verständnis", wissend, dass es im Nachhinein noch Diskussionen daheim geben wird. Und Katharina Wagner saß, von Kameras aufmerksam verfolgt, andächtig in der ersten Reihe. Der Saal war - selbst am Vormittag - gut gefüllt. Eine gewisse Nervosität lag in der Luft.

Für den offiziellen Charakter sprach die israelische Nationalhymne, die Paternostro gleich zu Beginn dirigierte. Es folgte ein recht buntes Programm mit Werken von Tzvi Avni, Mahler, Mendelssohn Bartholdy und natürlich dem diesjährigen Jubilar Franz Liszt. Der Wagner war fürs Finale aufgehoben. Aus Gründen der Pietät gegenüber den Überlebenden hatte das Orchester erst nach ihrer Ankunft in Bayreuth mit den Proben für das "Siegfried-Idyll" begonnen. Dabei maßen die Musiker der 15-minütigen Orchesterfantasie deutlich mehr interpretatorisches Gewicht zu, als es dem Komponisten in seinem verführerischen Ständchen an Cosima einst vorschwebte. Einen vollen, klangschönen Wagner ließ Paternostro zelebrieren. Stehende Ovationen gab es am Ende, dann schlenderte das Publikum gut gelaunt hinaus in die Mittagssonne.

"Ein später Sieg der Toleranz und der Kunst"

Michael Hohl, Oberbürgermeister von Bayreuth