Interview: Moritz Baumgarten

"Auf Buhrufe bin ich eingestellt"

Mit seiner "Tannhäuser"-Inszenierung werden heute die 100. Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth eröffnet: Sebastian Baumgarten, 42, ist ein Regisseur, der das Dialektische liebt und alles andere als schlichter Provokateur ist.

Der Berliner ist im Schauspiel wie im Musiktheater zuhause. Zuletzt inszenierte er an der Komischen Oper "Im weißen Rössl", was zum Publikumsliebling wurde. Volker Blech traf den Regisseur vor der Premiere.

Berliner Morgenpost: Herr Baumgarten, wo werden Sie während der Premiere sein?

Sebastian Baumgarten: Wie immer nah dran, aber nicht drin. Man will immer ein bisschen die Energie spüren, wissen, ob bestimmte Dinge klappen. Ich gehe nicht in die Stadt, um etwas essen, und komme erst zum Applaus wieder. Aber gucken könnte ich nicht, das wäre mir zu aufregend. Außerdem gibt es im Festspielhaus gar keinen freien Platz mehr. Wahrscheinlich bin ich in der Kantine.

Berliner Morgenpost: Die Premiere zur Eröffnung der Festspiele ist eine besondere, weil besonders viele Politiker im Publikum sitzen. Haben Sie eine Botschaft an die Politik inszeniert?

Sebastian Baumgarten: Nee, nicht wirklich. Gerade auch in dieser Inszenierung habe ich es vermieden, mit Polemik zu arbeiten. Es gibt keine lauthalsige Behauptung, obwohl das Stück so viel Anlass gäbe - wenn man sich einmal aktuelle Situationen anschaut, wie Politiker wegen eines sexuellen Skandals von ihrer Position weggeschossen werden. Aber solche Aktualisierungen sind nicht dem Stück entsprechend, weil es eine viel größere Grundproblematik in sich trägt. Es ist die Frage, wie weit ist es möglich, im Exzessiven zu existieren, bevor man sich im Rausch verliert. Andersherum gesagt, wie nötig ist es für einen Künstler oder auch für andere, sich die Rückkehr in ein Kontrollsystem zu sichern.

Berliner Morgenpost: Was macht Rausch so gefährlich?

Sebastian Baumgarten: Weil der Rausch jedes Mal einen Angriff auf den eigenen Körper bedeutet. Das Ausbrennen, Verbrennen ist real erlebbar, und weil es eine mediale Gerichtetheit auf solche Verbrennungsprozesse gibt, gerade haben wir den tragischen Tod von Amy Winehouse erlebt, kommt einem das schon wieder fast normal vor. Tatsächlich muss jeder Künstler in der Lage sein, das Abdriften zu steuern. In der Oper ist es schwerer, einen Kontrollverlust zuzulassen. Manchmal gibt es im Schauspiel Situationen, wo man in Proben gemeinsam hochkatapultiert in Fantasien und Prozesse weit weg vom Ausgangsmaterial.

Berliner Morgenpost: Als Christoph Schlingensief in Bayreuth inszenierte, ließ ihm Hausherr Wolfgang Wagner ein Klo von der Bühne räumen. Gab es bei Ihnen Eingriffe seitens der Wagner-Schwestern?

Sebastian Baumgarten: Nee, wir haben keine Eingriffe erlebt - bis auf die Forderung nach blickdichten Strümpfen für die Choristinnen. Was die Probensituation in Bayreuth erschwert, ist, dass seit diesem Jahr bestimmte gewerkschaftliche Vereinbarungen gelten. Dadurch ist eine gewisse Flexibilität nicht mehr gegeben.

Berliner Morgenpost: Was sollte ein Regisseur in Bayreuth tunlichst vermeiden?

Sebastian Baumgarten: Im ersten Jahr sollte er sich nicht zu sehr in Details verlieren. Es geht um eine grobe Anlage der Hauptidee. Und er sollte vermeiden, sich über die vier Jahre hinweg selbst aufzugeben. (lacht) Man muss es wirklich als Werkstatt Bayreuth begreifen.

Berliner Morgenpost: Tannhäuser ist eine zerrissene Künstlerfigur zwischen Ordnung und Exzess. Wie passt das in das Bühnenbild einer Wiederaufbereitungsanlage?

Sebastian Baumgarten: Tannhäuser ist ein dialektischer Widerspruch in sich, das gilt es in jeder Szene nachzuzeichnen. Wo steht er, wie fühlt er sich gerade, wo will er hin?

Berliner Morgenpost: Es heißt, die Installation von Joep van Lieshout war eine Vorgabe an Sie?

Sebastian Baumgarten: Ich habe mir die Vorlage gesucht. Ich kannte Arbeiten von Lieshout. Wir haben uns entschieden, ein Bild zu wählen, dass den Grundwiderspruch des Tannhäuser-Stoffs in sich trägt. Das Bühnenbild suggeriert, dass alles extrem wieder verwertbar und ökologisch ist, aber in der Art und Weise, wie es belebt wird, extrem restriktiv, ordnungsfanatisch ist. Bei Lieshout ist es das Modell einer Sklavenstadt. Es geht um eine fiktive Stadt, die an Science-fiction-Filme der Achtzigerjahre erinnert, wo es immer möglich ist, seine Triebabfuhr irgendwo hinzustrecken, die auf der anderen Seite aber auch Menschenopfer braucht für die extreme Ökonomie. Das ist natürlich ein perverses Modell.

Berliner Morgenpost: Und warum haben Sie Rammstein im Bühnenbild zitiert?

Sebastian Baumgarten: Das stimmt so nicht. Der frühe "Tannhäuser" ist noch eine Nummernoper. Um diese Strukturierung deutlich zu machen, haben wir den einzelnen Szenen Überschriften gegeben. Wir sind darauf gekommen, dass die Titel von Rammstein wie "Reise, reise", "Mann gegen Mann", "Herzeleid" einen schwer Wagnerschen Gestus haben. Und natürlich gibt es eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Tannhäuser und Till Lindemann, dem Sänger von Rammstein, das ist jemand, der an die Grenze geht, auch drüber hinaus, von manchen fälschlich als faschistoid bezeichnet wird.

Berliner Morgenpost: Gehört eine brachiale Band wie Rammstein zum heutigen Bildungskanon?

Sebastian Baumgarten: Für moderne, gebildete Menschen - ja.

Berliner Morgenpost: Kommt Ihr Großvater Hans Pischner, der frühere und ziemlich konservative Intendant der Staatsoper Unter den Linden, zur Premiere?

Sebastian Baumgarten: Er war schon bei der Generalprobe. Über die Jahre hinweg haben wir einen gemeinsamen Weg meiner Inszenierungen durchmessen und durchlitten. (lacht) Er findet immer die Arbeiten gut, die eine theatralische Dichte haben. Die Zeichen oder die Umstände auf der Bühne sind für ihn eigentlich zweitrangig, konservativ oder progressiv keine Gegensätze.

Berliner Morgenpost: Sind Sie heute auf Buhs eingestellt?

Sebastian Baumgarten: Ja, ich denke schon. Wobei es nicht um Dinge geht, die leicht provozieren. Vor zehn Jahren waren es Bierbüchsen auf der Bühne. Das sind Alltäglichkeiten, die viele als Widerspruch zur hehren Größe von Wagners Musik empfinden. Das habe ich vermieden, ich wollte nur in den Kern der Oper hinein. Damit sich die Leute nicht daran aufhalten, warum der Tannhäuser eine Zigarette raucht. Und gegen Lieshouts starkes Bühnenbild kommt man auch mit einer Bierbüchse gar nicht an.