Musical Cabaret

Berauscht in Berlin

Der Mensch erinnert sich an manches, vergisst vieles und noch viel mehr weiß er erst gar nicht, weshalb er es folgerichtig weder erinnern noch vergessen kann. Das ist auch praktisch.

Es ist ja nicht gleich eine Schande, wenn einem zu KitKat bloß die Schokoladenwaffel einfällt oder man bei Bradshaw gleich an Carrie denkt, die halbprüde Sex-and-the-City-Kolumnistin. Auch verbindet sich oft mit dem Musical Cabaret nur das Bild einer kulleräugig singenden Liza Minelli.

Es schadet allerdings selten, den Dingen noch mal auf den Grund zu gehen. In Sachen KitKat, Bradshaw und Cabaret kann man das jetzt im Tipi am Kanzleramt tun. Die Inszenierung von Vincent Paterson ist eine Wiederaufnahme der Vorsaison und als solche eine Übernahme aus der Bar jeder Vernunft, also ziemlich erfolgreich. "Willkommen, bienvenue, welcome", so heißt es auch auf der Bühne zum Empfang im Kit-Kat-Club, einem Hauptschauplatz der Handlung. Der Reiz dieses Musicals liegt nicht zuletzt darin, dass es - bevor es zur Tragödie wird - das tut, was in Berlin immer funktioniert: Berlin feiern, einfach weil es Berlin ist. In Cabaret kommt Schriftsteller Clifford Bradshaw am Sylvester-Abend 1929 in eine sich enthemmt dem Amüsement hingebende Stadt. Er verliebt sich in das Revuegirl Sally, berauscht sich an Berlin, wie Berlin an sich selbst.

Parallelen zum trunkenen Club-Hopping einheimischer und zugereister Nachtschwärmer dieser Tage liegen auf der Hand, selbst einen KitKatClub hat Berlin längst wieder. Und Bradshaws schriftstellerische Schaffenskrise würde auch heute gut in eine Stadt passen, in der prekäre Kreativität und kreatives Prekariat symbiotisch die Café füllen. Ökonomische Unsicherheit und überhaupt allgemeinen Verunsicherung in auf- und ab wogender Weltwirtschaftskrise gab es damals wie heute. Nicht umsonst gehört "Money" zu den vielen Cabaret-Liedern, die sich als Gassenhauer selbstständig gemacht haben. Mit diesen Liedern wird auch im Tipi das Publikum bei Laune gehalten, ebenso mit absichtsvoll dilettierenden, gern vulgären Showeinlagen auf engstem Raum. Die handfeste Übersexualisierung wirkt in ihrer Redundanz zwar ein bisschen bemüht, aber das ist nicht weiter tragisch, weil die Inszenierung etwas leistet, was bedeutender ist: Sie ist abgrundtief rührend, wenn ihre Heldinnen leiden, und das tun Sally Bowles, das Revuemädchen, und Fräulein Schneider, Bradshaws Pensionswirtin. Es ist die anschwellende Bedrohung durch den Nationalsozialismus, die beider für einen Moment verheißungsvolle Zukunft zerstört. Als der Amerikaner Bradshaw mit der Erkenntnis "Die Party in Berlin ist vorbei" samt der schwangeren Sally in seine Heimat fliehen will, treibt Sally ab und flüchtet sich in ihre Clubkarriere. Allein schon, wie Sophie Berner dann als gebrochene Sally "Life is a Cabaret" vorträgt, ist den Besuch wert. Ebenso die Zartheit, in der Maren Kroymann das ältliche Fräulein Schneider und Peter Kock den Obsthändler Schulz geben. Beider erotische Annäherung über sein Obstsortiment und die aufkeimende Hoffnung auf spätes Liebesglück sind so herzerwärmend erzählt, dass es eine um so erschütterndere Wirkung hat, als die Jungfer der Mut zur Ehe verlässt, weil der Geliebte Jude ist.

Was diesen Klassiker ausmacht, ist weniger die muntere Revue-Unterhaltung, als die Wucht, mit der einem Schauer über den Rücken jagen, wenn die Bürger und Bohemiens beginnen, sich unterm Hakenkreuz zu ducken; wenn Fräulein Schneiders verliebter Gesang "Der morgige Tag ist mein" zum Drohgebrüll eines Nationalsozialisten verschandelt wird. Das Leben ist keine Schokowaffel. Besser man vergisst es nicht.

Tipi am Kanzleramt, Große Querallee, 10557 Berlin. Tel: 39 06 65-0; bis 14. September, Di - Sa 20.00 Uhr, So 19.00 Uhr