Kunstsache

Der Galerie-Boom der Stadt - auch schon wieder eine Weile her

Wenn Galeristen Jubiläen ankündigen, merkt man, dass sie alt werden. Rund zwei Jahrzehnte ist es mittlerweile her, dass eine junge Schar von Kunstverkäufern Berlin als Standort entdeckte. Sie kamen aus der gesamten Republik, mieteten sich in Hinterhofräumen in Charlottenburg oder leerstehenden Häusern im Ostteil der Stadt ein und arbeiteten fleißig daran, Berlin zu einer Weltmetropole der zeitgenössischen Kunst zu machen.

Als einer der ersten feiert jetzt Thomas Schulte seinen 20. Galeriegeburtstag - und zeigt, was ihn groß gemacht hat. Schulte ist ein eher zurückhaltender Mensch, der sich nicht gern in den Vordergrund drängt und deshalb gelegentlich übersehen wird. Zu Unrecht: Sein Programm mit Künstlern wie Robert Mapplethorpe, Gordon Matta-Clark oder Katharina Sieverding ist hochkarätig. Bei der Geburtstagsvernissage bestaunten die Gäste eine große Skulptur von Richard Artschwager: ein Fragezeichen mit drei Punkten. Man sah eine Pyramidenskulptur von Sol LeWitt, eine schöne Videoarbeit von Nam June Paik und 50 formidentische, aber in den Farben vollkommen unterschiedliche Vasen von Alan McCollum. Alles beeindruckende, großartige Kunst, aber als Geburtstagsfestmahl fast ein bisschen zu sättigend. Zumal die Werke kuratorisch wenig miteinander verband. Deshalb: Gratulation an den Galeristen, in der Hoffnung, dass er nach dem wohl verdienten Fest wieder zur gewohnten Arbeit der hervorragenden Einzelpräsentation zurückfindet. (Bis 27. August, Charlottenstr. 24, Mitte)

Die Galerie Neu ist auch nur noch dem Namen nach neu. Sie existiert seit 1994. Alexander Schröder und Thilo Wermke nutzen die Zeit vor der Sommerpause, um einige ihrer Künstler in einer Gruppenausstellung zu zeigen. Ausgangspunkt ist die amerikanische Malerin und Dichterin Florine Stettheimer. Sie beschrieb Anfang des 20. Jahrhunderts das Leben der New Yorker Bohème in ihren Gedichten oder malte es in multiperspektivischen Genrebildern. Für die Ausstellung bei Neu hat nun der US-Künstler Nick Mauss ihre Lyriksammlung "Crystal Flowers" ausgewählt und Freunde gebeten, Werke daraus neu zu vertonen. Katharina Wulff zeigt daneben ein Glasfenster, das stilistisch zwischen Art-Déco und orientalischem Ornament liegt und ebenso an Stettheimers Bilder erinnert, wie die aquarellierten Lebenswelten, die Amelie von Wulffen präsentiert - bloß, dass letztere nicht die wilden 20er-Jahre in New York im Blick hat, sondern die spießigen 50er in Deutschland. Aber die bieten ja auch genug Stoff. (Bis 31. Juli, Philippstr. 13, Mitte)

Keiner Erklärung mehr bedarf Judy Lybke, der mit seiner Galerie Eigen + Art die neue Malerei aus Leipzig praktisch im Alleingang bekannt gemacht hat. Das Problem für viele erfolgreiche Galeristen wie Lybke ist, dass sie sich irgendwann neu erfinden müssen. Das macht seine aktuelle Sommerausstellung "Labor" zusätzlich interessant: Zu sehen sind fünf junge Künstler, die Eigen + Art (noch?) nicht vertritt. Besonders auffällig ist Katie Armstrong mit ihrem grandiosen Zeichentrickfilm "Once more, once more". Die New Yorker Künstlerin hat Britney Spears' Hüpfpopballade "...Baby one more time" als das interpretiert, was sie dem Text nach ist: das Lied einer von Verlustängsten geplagten jungen Frau. Der Film zeigt nun die passenden Bilder von Cupcake-Frustessen, Heulattacken und rächenden Hexenseancen. Das ist nur ein wenig zum Fremdschämen, ansonsten wunderbar neurotisch und emotional mitreißend. Wer weiß: Mit etwas Glück sehen wir bei Eigen + Art irgendwann noch mehr davon. (Bis 20. August, Auguststr. 26, Mitte)

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien