Theater

Eingebildet ist der Kranke, eingebildet wie dieser Sommer

Draußen sitzen bei Dauerregen und Temperaturen um die 15 Grad? Aber ja, das Hexenkessel Hoftheater im Monbijoupark lässt sich von Wetterwidrigkeiten nicht die Premiere verderben. 18 Jahre Freiluftspiel härten ab, die 250 Zuschauer nehmen mit Thermokissen und Decken auf den Stufen des Amphitheaters Platz.

Mit Molières "Der eingebildete Kranke" bringen die Spezialisten für derb-komisches, turbulentes Theater ihre dritte Inszenierung in dieser Saison auf die roh gezimmerten Bühnenbretter. Bunt ist der Abend mit Live-Musik, durchgängiger Action im vierstöckigen Bühnenhaus und rasantem Witz.

Der reiche Argan (Matthias Horn), ein auf dem Toilettenstuhl thronender Pascha im Steppdeckenpyjama, tyrannisiert mit seiner Hypochondrie den gesamten Haushalt. Einläufe, Pillen, Tränke strukturieren seinen Tag. Tochter Angélique (Rebekka Köbernick), schwärmerisch verliebt in den Künstler Cléante (Vlad Chiriac), soll gar einen Arzt heiraten, um Argans medizinische Versorgung zu gewährleisten. Leibdoktor Purgon (Tobias Schulze), der an Argans Zipperlein prächtig verdient, präsentiert den passenden Kandidaten - den steif hampelnden Studierten Grimois Diaforius (Vlad Chiriac), optisch sein Doppelgänger.

Die Figuren aus Molières Farce sind in der Inszenierung von Jan Zimmermann deutlich konturiert. Eingängig ist die Handlung in den temporeichen eineinhalb Stunden. Sprachlich frisch aufgezogen hat Zimmermann das Stück, das er 2006 schon einmal einrichtete. Minimalinvasiv sind die meisten Eingriffe in Molières Text, aber auch zwei größere Operationen wagt Zimmermann. Clever ist sein Einfall, den Tod (auf Stelzen: Jefferson Preto) auftreten zu lassen. Bei Molière hat Toinette die Idee, Argan sich tot stellen zu lassen, um die wahren Gefühle von Frau und Tochter zu erproben. Bei Zimmermann führt der Genosse Totenschädel die Regie beim Spiel im Spiel. Nicht ganz stimmig ist hingegen der Regieeinfall, der den Abend eröffnet: Ein athletischer Männerkörper, eingespannt in ein Alurad wie Leonardo da Vincis "vitruvianischer Mensch", wird von Purgon und Krankenschwester Toinette mit riesigen Scheren und Bohrern malträtiert. Dazu läuft vom Band ein obskurer Text: Lazarus, halte meine Seele rüstig, denn ihr Gefäß, mein Körper, zerbirst. Eine Heiligenanrufung, die Hoffnung der Auferstehung als einzige Handhabe des Patienten gegen ein Gesundheitssystem, das den Menschen als Ersatzteillager betrachtet?

Aber der guten Unterhaltung tut das keinen Abbruch. Die in der Tradition des Stegreifspiels stehende Truppe begegnet etwa mit Bravour einer weiteren Widrigkeit: Vlad Chiriac hat bei den Proben kältebedingt die Stimme verloren, daher spricht die Regieassistentin Hannah Walther neben der Bühne seinen Text. Das holprig extemporierte Playback trägt zur Erheiterung bei. Das Happy End ist prächtig, der Beifall ist stürmisch, die Kälte vergessen.

Hexenkessel Hoftheater Monbijou-Park, Mitte. Tel. 28 88 66 999. Di-Sa, 21.30 Uhr. Bis 3.9. www.amphitheater-berlin.de