Konzert

"Ich will eine neue, junge Generation gewinnen"

Er ist der erfolgreichste Musiker Brasiliens, hat mit dem Bossa Nova-Hit "Mas Que Nada" die Welt erobert und mit seiner Band Brasil '66 das Genre Easy Listening zur Perfektion gebracht. Er spielte mit Sinatra und Tom Jobim, trat für US-Präsidenten und Könige auf.

In den Neunzigern entdeckte er von der Wahlheimat L.A. seine afro-brasilianischen Wurzeln, und vor drei Jahren startete er sein Comeback mit Will I Am von den Black Eyed Peas. Der 70jährige Sergio Mendes hat sich immer wieder neu erfunden, jetzt kommt er mit einer Rückschau auf seine Karriere am Dienstag nach Berlin. Stefan Franzen hat mit ihm gesprochen.

Berliner Morgenpost: Mr. Mendes, wenn man von Ihnen redet, fallen oft Wörter wie Easy Listening oder Cocktail Bar-Musik. Mögen Sie diese Bezeichnungen?

Sergio Mendes: Die Leute haben überall auf der Welt eine vorgefasste Meinung über das, was du tust, und versuchen dir ein Etikett aufzupappen. Musik ist heute so global geworden.

Berliner Morgenpost: Während der Bossa Nova-Zeit haben Sie sich auch für amerikanischen Jazz interessiert. Wie stehen Sie zu der These, dass die Bossa erst durch Jazz entstehen konnte?

Sergio Mendes: Nein, Bossa ist eine durch und durch brasilianische Eigenheit und hat sich aus dem Samba herausentwickelt. Diese fantastischen Melodien, die ganz besondere Rhythmik, das hat Amerikaner wie Stan Getz und Charlie Byrd verzaubert und sie zu neuen, frischen Sachen inspiriert. Ich bin ein Sonderfall, denn neben Jobim sind meine großen Idole Bud Powell, Horace Silver, Oscar Peterson gewesen, also gibt es in meiner Musik eine Menge Jazz.

Berliner Morgenpost: Sie sind 1964 nach L.A. gegangen und nie wieder nach Brasilien zurückgekehrt. Warum haben Sie sich damals für die Auswanderung entschieden?

Sergio Mendes: Im April 1964 gab es in Brasilien den Militärstreich und das Land begann, durch eine dunkle Zeit zu gehen. Das machte mir Angst und ich bat einen Freund, der Botschafter war, mir ein paar Flugtickets und ein wenig Geld zu besorgen. Mein Vorhaben war es, in L.A. ein Trio zu gründen. Niemand kannte uns da, wir mussten in den Clubs regelrecht vorspielen. Aber zurück unter die Militärherrschaft wollte ich nicht, ich war schon verheiratet und hatte einen kleinen Sohn. Als ich dann die Sängerin Lani Hall und ein brasilianisches Mädchen in der Stadt traf und merkte, wie wunderbar ihre Stimmen zusammenpassten, hatte ich die Idee, von Instrumentalmusik auf Gesang umzusteigen. Zuvor hatte ich eine Band mit zwei Posaunen, und jetzt hatte ich eben zwei Sängerinnen - so einfach ist das! Das war die Geburtsstunde von Brasil '66.

Berliner Morgenpost: Dieser Sound mit dem eleganten Chor wurde Ihr Markenzeichen in den Sechzigern, allerdings vor allem mit Coverversionen anglo-amerikanischer Pophits.

Sergio Mendes: Mein größter Hit war "Mas Que Nada", bis heute die einzige portugiesischsprachige Nummer, die um die Welt ging. Er hat die Tür zu diesem Sound geöffnet. Und dann sagte ich mir: Warum soll ich nicht auch englische Titel mit einem brasilianischen Flavour spielen? Diese Rhythmik ist so attraktiv für die Leute, dass auch Bacharachs "The Look Of Love" oder "Fool On The Hill" von den Beatles damit gespielt werden können. Eine gute Melodie ist eine gute Melodie.

Berliner Morgenpost: Ab den Siebzigern bis in die Neunziger hinein haben Sie afro-brasilianische Rhythmen aufgegriffen - fühlten Sie, dass Ihre Musik eine neue Verwurzelung nötig hatte?

Sergio Mendes: Meine Neugier war es, die mich dazu gebracht hat, andere Sounds, Texturen, Rhythmen zu probieren. Es war für mich sehr aufregend, mit viel Percussion zu arbeiten und deshalb habe ich mir Carlinhos Brown aus Bahia geschnappt, mit dem ich "Brasileiro" aufgenommen habe. Und siehe da, das gab einen Grammy.

Berliner Morgenpost: Heute ist Bossa Nova durch HipHop-Einflüsse und DJ-Kultur Clubmusik geworden.

Sergio Mendes: Stimmt. Und genau das habe ich ja vor einigen Jahren mit Will I Am von den Black Eyed Peas gemacht. Ich serviere die alten Songs wie "Mas Que Nada" mit Rap, um eine ganz neue Generation dafür zu gewinnen. Ich sagte mir, der Typ ist sehr jung, von dem kannst du eine Menge lernen. Also genau umgekehrt zu früher, als ich bei Cannonball Adderley in die Schule ging. Jetzt bin ich der alte Mann, der mit einem Kid arbeitet. Beide Erfahrungen sind wichtig für mich, sind wie zwei Seiten der Medaille auf meinem langen Weg.