Richard-Wagner-Festspiele

Bayreuth kann so wunderbar sein

Wagner-Recke Siegmund ist schon ein Dussel. Kurz vorm Zweikampf fällt ihm ein, dass er ein Schwert braucht. Ratlos wendet er sich ans Publikum, bittet um Hilfe. Die Kinder schicken ihn kreischend zu einem Baum, in dem das Schwert steckt. Aber der Dummkopf, typisch Heldentenor, rennt ins Orchester, greift erst einen Notenständer, dann einen Geigenbogen, erst dann zieht er das Schwert heraus.

Große Erleichterung bei den Bayreuther Festspielen, wo der "Ring des Nibelungen" für Kinder geprobt wird. Natürlich in einer etwas gekürzten Fassung, von 15 Stunden bleiben noch rund anderthalb. Kindgerecht nennen es die Festspiele. Göttervater Wotan trägt Blau-weiß, jedes Kind im Raum hält ihn für König Ludwig.

Die Rheintöchter rollen auf Inlineskates, der Rhein ist zugefroren. Ideal für Slapstick, wenn Bösewichter schliddern und stolpern. Regisseur Maximilian von Mayenburg erzählt in Kurzform, was das Kind von heute über Verrat, Mord, Zwist in der Familie wissen muss. Nur der Inzest zwischen den Zwillingen Siegmund und Sieglinde wird überspielt und könnte als unbefleckte Empfängnis durchgehen. Richard Wagners Opern machen es weder Kindern noch Erwachsenen einfach.

Auf Buhstürme vorbereitet

Die Kinder-Premiere morgen Vormittag ist die heimliche Eröffnung der Wagner-Festspiele. Eigentlich ein schönes Symbol. Aber natürlich warten alle auf den Glamour-Nachmittag, wenn Kanzlerin Angela Merkel über den roten Teppich ins Festspielhaus schreitet. Diesmal begleitet von Christine Lagarde, der neuen Chefin des Internationalen Währungsfonds. Die Politiker, Stars und Sternchen werden am Eingang von den Festspielleiterinnen Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier erwartet. Bayreuth 2011 ist fest in Frauenhand. Drinnen wird zur Eröffnung ein neuer "Tannhäuser" gezeigt. Der Berliner Regisseur Sebastian Baumgarten debütiert am Grünen Hügel und wird es den sitzfesten Wagnerianern nicht leicht machen. Bei ihm ist Tannhäuser ein Ingenieur in einer futuristischen Wiederaufbereitungsanlage, es geht auch um Bio, Kapitalismus, Energie. In Bayreuth ist man bereits auf eine Eröffnung mit Buhstürmen eingerichtet.

Pressechef Peter Emmerich zeigt gleich hinterm Promi-Eingang, durch den einst der Bayerische König schritt und morgen Frau Merkel gehen wird, eine Gedenktafel, auf der die Macher des ersten "Ring des Nibelungen" von 1876 vermerkt sind. Damals, so Emmerich, stand Richard Wagner morgens auf und fragte sich, wer von den empörten Sängern reist heute ab? In den hundert Festspieljahren waren einige wieder abgereist, aber eigentlich ist es heute der Wagnerclan selbst, der regelmäßig für Misstöne sorgt. Cousine Nike Wagner, Leiterin des Kunstfestes Weimar, hat letzte Woche den Bayreuther Festivalchefinnen vorgeworfen, sich nur mit Urahn Richard Wagner zu befassen und ihren anderen großen Vorfahren Franz Liszt zu ignorieren. Beiläufig erinnerte sie auch wieder an die braune Vergangenheit der Familie. Normalerweise werden solche Attacken als mediale Werbetrommel verwertet, aber in diesem Jahr hüllen sich die Bayreuther Macher auffällig in Schweigen.

Katharina Wagner hat am Freitag einen Pressetermin kurzfristig wieder abgesagt. Möglicherweise wollte sie nicht auf das Gerücht reagieren müssen, dass der Berliner Volksbühnenchef Frank Castorf den wichtigen Jubiläums-"Ring" 2013 inszenieren wird. Bayreuth will das nicht dementieren, sich aber zu Beginn der Festspiele auch nicht auf eine Debatte einlassen. Das Tagesgeschäft geht vor. Zumal Katharina Wagner als Regisseurin ihre "Meistersinger" vorbereitet.

Startenor Klaus Florian Vogt kommt bei der Kinder-Probe lässig vorbei geschlendert. Er singt kaum geschminkt, kaum verkleidet den Lohengrin in diesem Sommer. An Bayreuth schätzt er die Mischung von "Arbeit und Feriengefühl". Vogt sieht aus, als wolle er gleich im Cabrio in die Berge düsen, dabei bereitet er sich auf die Generalprobe vor. Auf der anderen Seite des Festspielhauses, vor frisch geschnittenen Hecken, gibt derweil sein Regisseur ein Interview. Altmeister Hans Neuenfels hat merkwürdige blaue Schlappen an, die daran erinnern, wie einmal der alte DDR-Staatschef Walter Ulbricht in Hauslatschen zu einem öffentlichen Termin kam. Kurz darauf wurde er entmachtet. Neuenfels ist aber gut drauf, bei den Proben herrsche, sagt er mit leiser Stimme, "Offenheit, es gab keine Kotzbrocken". Wobei er hinzufügt, dass "große Sänger nicht einfacher sind", was viele denken. Die hätten Erfahrung und feste Bilder im Kopf. Letzteres mag Neuenfels gar nicht. Diesmal musste er drei Sänger und "30 neue Ratten" einarbeiten. Das sind Chorsänger in seiner Inszenierung, die in einem Versuchslabor angesiedelt ist. Neuenfels hat andere Probleme. Er hätte gern mehr Proben gehabt, aber manches ist in Bayreuth nicht mehr möglich, seit der alte Patriarch Wolfgang Wagner das Geschäft an seine Töchter übergeben hat. Seither sitzt die Gewerkschaft mit am Tisch, die Probenregelungen sind strenger geworden.

Michael Beyer weiß am detailliertesten, was Neuenfels in diesem Sommer alles an seiner Inszenierung geändert hat. Beyer ist Spezialist für Videoübertragungen, bei den Berliner Philharmonikern ist er regelmäßig zugange. In Bayreuth bereitet er das Public Viewing, die 4. Siemens Festspielnacht, am 14. August auf dem Volksfestplatz vor. Er hat anhand des Vorjahresmitschnitts den ganzen "Lohengrin" in 1064 Kameraeinstellungen zerlegt. Aber plötzlich sind die Sänger nicht da, wo sie stehen müssten. Das größte Opfer der Technisierung ist indes die Souffleuse, die sich ihren eh schon schmalen Platz jetzt mit einer der neun ferngesteuerten Roboterkameras teilen muss.

Lauter Berliner im Orchestergraben

Auf Schritt und Tritt trifft man auf dem Festspielgelände Leute aus Berlin. Nicht nur die Regisseure, auch im Orchestergraben sitzen hinter Konzertmeister Bernhard Hartog vom Deutschen Symphonie-Orchester gleich 23 Musiker aus den großen Berliner Orchestern. Chorchef Eberhard Friedrich von der Lindenoper hat reichlich Choristen mitgenommen. Und auch die Produktion "Richard Wagner für Kinder" ist ein Berliner Pflänzchen, eine Kooperation mit der Musikhochschule "Hanns Eisler", an der Katharina Wagner eine Honorar-Professur innehat.

Zuviel von Wagners Untergangsstimmung will man den Kindern nicht zumuten. "Der Ring des Nibelungen" findet ein versöhnliches Ende. Die Bösewichter rutschen auf dem Eis aus, der Liebe unter den Menschen steht nichts mehr im Wege. Bayreuth kann so wunderbar sein.

Bei den Proben herrschte Offenheit, es gab keine Kotzbrocken

Hans Neuenfels, Regisseur des "Lohengrin"