Kunsthalle wird nicht errichtet

Die Kunst hat sich selbst gefördert

Was lange währt, wird endlich gut, sagt man. Das geflügelte Wort kommt immer dann in den Gratulationen vor, wenn eine Idee zur Institution werden darf. Dann kommt die Stunde der Festreden, und die Promotoren versichern sich gerührt, dass es sich gelohnt hat, die langen Jahre durchzuhalten.

Was lange währt, kann sich aber auch von selbst erledigen. Dies scheint der Fall zu sein bei der Idee, in Berlin eine Kunsthalle zu errichten.

Dazu ein kurzer Rückblick: Im alten Westberlin gab es eine Staatliche Kunsthalle, im ersten Stock des Europa-Centers. Die Besucher der Inselstadt konnten dort staunend sehen, welch ehrgeizige Großprojekte im turbulenten Kulturklima jener Zeit zustande kamen: meist Kunstgeschichte aus "kritischer" politischer Sicht, oft mit großer publizistischer Wirkung. Die Kataloge waren dick und materialreich, manche wurden zu Klassikern wie "Wem gehört die Welt ?" aus der legendären Großaustellung über die 20er Jahre, lang lang ists her.

Ganz Berlin ist eine Kunsthalle

Eine Kunsthalle im klassischen Sinn, zur Förderung der einheimischen Berliner Kunstszene, ist die Kunsthalle der Budapester Straße freilich nie geworden. Mit dem Ende der Zweiteilung der Stadt fand sie ein stilles Ende; die Aufregungen über die kulturelle Wiedergeburt des geeinten Berlins waren so groß, dass die Kunsthallenfrage in den Hintergrund geriet.

Auch die späte DDR hatte so etwas wie eine Kunsthalle geplant: Im Deutschen Dom am Gendarmenmarkt war der Innenausbau 1990 soweit gediehen, dass man eine Kunsthalle hätte vollenden können. Aber das Land Berlin, überfordert von den Restaurierungskosten, überließ den Bau einem zahlungsfähigen Nutzer, den Deutschen Bundestag, der seine vorher im Reichstagsgebäude untergebrachte Lehrausstellung "Fragen an die Deutsche Geschichte" hineinpflanzte.

Seitdem ist viel Zeit vergangen, Kultursenatoren kamen und gingen, immer hatten sie auf ihrer Wunschliste die Einrichtung einer Berliner Kunsthalle, zur Förderung der Kunstlebens der Stadt". Was dieses Kunstleben aber eigentlich war, das änderte sich in den zwei Jahrzehnten seit der Einigung dramatisch. Sicherlich kann man sagen, dass die Kunst sich, ohne viel Zutun der öffentlichen Hände, selbst so sehr förderte, dass die genauere Tätigkeit einer künftigen Kunsthalle jedenfalls neu beschrieben hätte werden müssen.

Denn alles ist anders geworden: Berlin, vor 1989 abseits der Zentren der Gegenwartskunst, ist ein Magnet für die Künstler aus aller Welt geworden. Ob "Kunsthalle" genannt oder nicht, sind permanente oder periodisch tätige Räume der Kunst lebendig geworden, von den "Kunstwerken" in der Auguststraße bis zu den Messen und Galerienwochenenden. Private Kunsthallen wie jene am Schlossbauplatz kamen und gingen. Die Berlinische Galerie hat den Auftrag, die in Berlin entstandene Kunst historisch getreu und so aktuell wie möglich der Öffentlichkeit sichtbar zu machen. Der Hamburger Bahnhof ist ehrgeizig darauf aus, die wichtigsten Werke unserer Zeit sichtbar zu machen. Aussichtslos, auch die segensreiche Ausstellungstätigkeit der kommunalen Galerien im Blick zu behalten. Die Chance, dass in Berlin ein bedeutendes künstlerisches Werk entsteht und es weder der Kunstförderung der öffentlichen Hände noch dem Spürsinn der Galerien in den Blick kommt, ist sehr gering.

Und damit sind wir bei der Grundsatzfrage nach der Notwendigkeit einer Kunsthalle. Vorweg: es kann nie genug Raum für die Künste geben, und jeder Versuch einer Bedarf/Kosten/Nutzen-Rechnung in Sachen Kunst ist sinnlos. Wenn das Land Berlin den festen Willen hätte, ein machtvoller Mitspieler im Weltgetriebe der bildenden Kunst zu sein: Nur zu! Dazu bedürfte es freilich auch einer kühn denkenden Kuratorenpersönlichkeit. Mit dem Phantom Kunsthalle ist es so ähnlich wie mit den drei Berliner Opern: Sie wäre so notwendig wie das, was sie künstlerisch auf die Beine stellt. Aber die alte, traditionelle Rolle der Kunsthallen-Idee aus dem 19. Jahrhundert ist heute nicht mehr passend. Damals organisierte sich das Kulturbürgertum selbstbewusst in der Gründung von Kunsthallen, in denen die moderne Kunst unabhängig vom Kunstgeschmack der Monarchien und Museen durchgesetzt wurde. Kunsthallen schlossen Wahrnehmungs-Defizite und stellten Gerechtigkeit für die Jungen her. Kunsthallen waren Orte des sozialen "Fortschritts".

Warum keine zweite Chance geben?

Gesellschaft und Kunst unserer Zeit haben heute ganz andere Rollenverteilungen. Dennoch: Es lohnt immer, auch vorerst beiseite gelegten Ideen eine zweite Chance zu geben. Vielleicht entsteht ja in Berlin nach gründlichem Nachdenken und Experimentieren das Bild einer "Kunsthalle" für das 21. Jahrhundert, die ganz anders aussieht und funktioniert als die altvertrauten L'art pour l'art-"White Cubes". Schinkels "Altes Museum" wurde im 19. Jahrhundert zum Modell für die ganze Museumswelt. Wer sagt, dass es das nicht ein zweites Mal geben kann?

Morgenpost-Autor Christoph Stölzl ist seit einem Jahr Präsident der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar. Stölzl war Kultursenator in Berlin, Morgenpost-Kolumnist, arbeitete für das Auktionshaus Villa Grisebach und ist Honorarprofessor an der FU Berlin.