Lucian Freud

Tod eines Gnadenlosen

Man wird nicht sagen können, dass seine Bilder schön seien. Auch muss die Kunst nicht schön sein, wenn sie Erfolg und Bestand haben will. Das lehrt das ungefällige 20. Jahrhundert. Und das Werk des jetzt im Alter von 88 Jahren in London verstorbenen Malers Lucian Freud lehrt, was der ungefällige Körper mit den Bildern tut, von denen man nicht sagen könnte, dass sie schön seien.

Immer scheint der Körper in diesem singulären Werk auf eine grobe Weise vernutzt, gezeichnet von den Spuren pfleglosen Umgangs mit ihm. Wenn Lucian Freuds weibliche oder männliche Aktmodelle auf dem Kanapee liegen, die Beine öffnen, den Blick freigeben auf ihr verwahrlostes Geschlechtsteil, das von den Haaren wie von wilden Hecken überwachsen ist, dann hat die Nacktheit auch etwas Peinigendes. Man sieht auf Leiber wie auf Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs. Dass von ihnen irgendwelche Signale ausgingen, erotische Offerten, Gesten der Verführung, Zeichen der Selbstgefälligkeit oder des Selbstgenusses, ließe sich kaum behaupten.

Kühne Schnappschüsse

Dabei hat der Maler Lucian Freud anders als sein Freund Francis Bacon den Körpern, die er zu sich bestellt hat, nie ein Leid angetan, sie nicht verbogen, verdrückt, zu Malbrei verrührt. Vergewaltigung findet in diesem Werk nicht statt. Vor allem keine Zerstörung der Gesichter wie auf den Porträts des dreizehn Jahre älteren Bacon. Dieser zwingt, in zerquetschte Augen, auf offene Münder zu sehen. Lucian Freud malt offene Münder, wenn die Aktmodelle den Mund offen halten. Und wenn ihr Gesichtsfett unter der Haut die Augen zerquetscht, dann malt er das auch.

Ein Menschenbild wird aus den Körperbildern, aus dieser Galerie banale Fehl- und Fettleiber nimmer. Das hintreiben schon die kühnen, an fotografische Schnappschüsse gemahnenden Bildschnitte. Als wollten die Bilder nur rasch und beiläufig an die lange Tradition der Aktmalerei erinnern und schnell wieder alle Erhabenheit großer Botschaften und Bedeutungen zersetzen.

Ganz im Gegensatz zu Bacon. Bei Bacon kann man schwerlich anders, als in den hochexpressiven Attacken auf die Körper-Integrität irgendwelche dunkeltonigen Existenzzeichen zu ahnen. Lucian Freuds Bilder sind ungleich kälter, trösten weder mit Pessimismus noch mit ausgeglühtem Zynismus. Wohl bot sich an, dem Enkel des Psychoanalyse-Schöpfers Sigmund Freud eine besondere malerische Zuständigkeit für das Triebgeschehen zu attestieren. Und es hat auch nicht an Verstehensversuchen gefehlt, die in all dem Räkeln, Dösen, Beinespreizen den bösen Triumph des Körper-Es über das Bewusstseins-Ich entdecken wollten. Erfolgreich war man damit nie.

So wenig das Werk mit dem geistigen Familienerbe zu tun hat, so wenig ergreifen diese Bilder Partei für den natürlichen, nicht idealischen Körper. Natürlich ist es eben keineswegs, wenn das Aktmodell Sue Tilley seine adipöse Nacktheit ohne Scham vor dem Maler ausbreitet und von ihm zum schamlos ungetümen Fleischberg verformt wird. Es ist raffinierte Inszenierung, Regietheater, das ganz auf die Sensation der befremdlichen Entblößung setzt. Dass das Monumentalbild ("Benefits supervising Sleeping") bei Christie's für über 33 Millionen Dollar versteigert wurde, zeigt nur, wie die Spekulation auf die Sehgier aufgegangen ist.

Der Kritiker Robert Hughes hat in der malerischen Konzentration auf Poren, Öffnungen, erschlaffte Muskeln und glänzende Haut eine "Menschlichkeit" entdecken wollen, "die Freuds Bilder so beharrlich in der fleischlichen Hülle des Körpers aufspüren." Dass an Poren, Öffnungen, erschlafften Muskeln und glänzender Haut nichts unmenschlich ist, ist schon wahr. Mehr noch aber als von unverhüllter Humanitas erzählen diese Bilder vom Verrat, von der Aufkündigung jener Diskretion, die das krud Menschliche erträglich macht. Immer wird in diesem Werk der Körper verraten, willentlich, einverständig. Und immer machen einen die Bilder zum Komplizen des Verrats.

Der harte Realismus

Lucian Freud, der mit seiner Familie 1933 aus Berlin nach England emigrierte, hat sein über weite Strecken figürliches Werk wohl nur hier so beharrlich und konsequent entwickeln können, wo die kontinentale Nachkriegs-Auseinandersetzung zwischen den "Abstrakten" und den "Gegenständlichen" kaum nennenswerte Anhänger fand. Völlig unbeeindruckt vom verzehrenden Streit um den rechten Kunstweg blieb Freud seinem realistischen Idiom treu, das in den späten vierziger Jahren noch eine neusachliche Härte hatte, um dann bald in einer Malhandschrift zu brillieren, die die Dinge aus großzügig gesetzten Farbbahnen modelliert und ihre Oberflächen aufraut, als sei nur so den Poren und Öffnungen, den erschlafften Muskeln und dem Glanz der Haut beizukommen. Aufs Ganze gesehen waren es die Figur, der Körper, das Gesicht, die das Malen wieder und wieder motiviert haben.

Es ist ein mit allen Konsequenzen inwendiges Werk. Mit ganz wenigen Ausnahmen spielt alles im Atelier, im hermetischen Weltabschluss, in der Intimität des einvernehmlich begangenen Körperverrats. Schönheit wird unter solchen Bedingungen nicht. Aber was ist schon Schönheit? Aufgabe des Künstlers sei, hat Lucian Freud einmal gesagt, bei den Menschen Unbehagen zu erzeugen, "und doch zieht es uns ohne unser Zutun zu einem großen Werk hin wie einen Hund, dem eine Witterung in die Nase steigt."