Geitels Geschichten

Franz Liszts letzter Klavierschüler

Tatsächlich - ich habe ihn noch gehört, den letzten Schüler von Franz Liszt: Emil von Sauer gab am 5. Oktober 1941 in der Philharmonie einen Klavierabend. Den musste ich natürlich hören und nach Möglichkeit ein Autogramm erschnorren.

Aber das sonst so zugängliche Künstlerzimmer sah sich nach dem letzten Ton verriegelt und verrammelt. Ein unliebenswürdiger Cerberus hütete die Schwelle und ließ niemanden ein.

Sauer war damals schon 79, im Folgejahr sollte er sterben. Vielleicht war es eines der letzten Konzerte, die er überhaupt gab. Er beschloss es, wie konnte es anders sein, mit Liszt. Ich hatte das Stück noch nie vorher gehört. Es ist mir durch Sauers Vortrag unvergesslich geblieben.

So sehr man Sauer auch als Liszt-Schüler feierte, er selbst war sich sicher, dem Meister nicht allzu viel zu verdanken. Liszt sei schließlich schon alt gewesen zurzeit, als er, Sauer, ihn kennenlernte. Er jedenfalls sah nicht Liszt, sondern Nikolai Rubinstein als seinen Lehrer an. Nikolai, der Bruder des weltberühmten Anton Rubinstein, war Direktor des Moskauer Konservatoriums. Dort war Sauer zur Schule gegangen.

Man fing damals sehr jung an mit der Musikmacherei, und es ging in ihr ziemlich gnadenlos zu. Es ist eine Unterhaltung zwischen Lehrer und Schüler überliefert, die ging so: "Wie alt bist du?", fragte der Lehrer das Wunderkind. "Sieben, Monsieur". "Und was möchtest du mir vorspielen?" - "Ach bitte, das Tschaikowsky-Konzert" - "Dafür bist du zu alt!" So war nun einmal die Zeit.

Außerdem war die Epoche geistreich, und bösartig war sie auch. Von einem Klaviermeister wie Moritz Rosenthal bekam eine ganze Generation von Pianisten kein einziges lobendes Wort über einen Kollegen zu hören. Sauer aber gewann sich Respekt. Man sah in ihm einen wirklich großen Virtuosen. Er hielt sich allen Übertreibungen ins Effektvolle fern. Gerade das machte Effekt.

Wenn ich auch damals von Sauer kein Autogramm erhaschte, dann aber immerhin viele Jahre später eins von Franz Liszt. Es wurde mir ganz einfach von Lesern geschenkt. Dass ich jetzt überhaupt auf Sauer kam, verdanke ich einem Eintrag in meinem Autogrammbuch. Ich war schließlich nicht der einzige, der Sauer spielen hören wollte, sondern die Philharmonie war, wie übrigens immer im Krieg, bumsvoll. Und so erspähte ich im Publikum den zeitweilig zum Schweigen verurteilten Raoul Koczalski, den gefeierten polnischen Pianisten. Auch er war gekommen, Sauer zu hören. Ihn also bat ich um so etwas wie ein Ersatz-Autogramm.

Übrigens erging es Koczalski nicht anders als seinen Kollegen, die offenbar nichts höher schätzten, als einander madig zu machen. Im Falle Koczalskis ging der noble Claudio Arrau auf die Barrikaden und erklärte nachdrücklich, der schlechteste Chopin-Spieler, den er je gehört habe, sei Koczalski gewesen, übertroffen darin vielleicht nur noch von Brailowsky.

Nun hatte Koczalski im Krieg natürlich ganz andere Sorgen, als sich über Arrau aufzuregen. Er war in Berlin als Pole gerade mal so eben geduldet und musste sich irgendwie durchschlagen, da ihm der Zugang zu eigenen Auftritten versperrt war. Der Krieg machte halt auch vor den Künsten nicht halt.

Dabei konnte man mit Fug und Recht Koczalskis Karriere von Anbeginn unaufhaltsam nennen. Jetzt, als Gast im Berliner Konzert Emil von Sauers, war er erst 56, wirkte aber viel älter und schrieb selbst seinen Namen bereits ziemlich tatterig, was sich natürlich auch auf sein Spiel ausgewirkt haben könnte. Als Siebenjähriger war er schon um die Welt getourt. Mit zwölf konnte er bereits seinen tausendsten Auftritt feiern. Eine schnelle Karriere.

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern