Kino

Ich wär so gern ein Fischstäbchen

Wir müssen an dieser Stelle unbedingt einmal Herbert Knaup würdigen. Das hätte längst geschehen müssen, der Mann dreht immerhin seit 33 Jahren. Und spätestens mit Dominik Grafs Thriller "Die Sieger" hätte er 1994 groß rauskommen müssen, wäre der Film damals nicht so verkannt worden.

So zählt Knaup zwar zu den meist beschäftigten Schauspielern dieses Land, der in Film und Fernsehen Omnipräsenz zeigt und in Erste-Sahne-Titeln wie "Lola rennt", "Marlene", "Schlafes Bruder", "Lichter" und "Das Leben der Anderen" mitgespielt hat (um nur einige zu nennen), bei denen sich aber die wenigsten erinnern können, was er da gespielt haben mag. Wenn man überhaupt seinen Namen kennt.

Zwangsgemeinschaft im Kühlwagen

Knaup ist ein exzellenter Charakterdarsteller, der noch den fadesten Filmen etwas abzugewinnen weiß. Aber nur zu selten spielt er die zentrale Figur. Nein, er verausgabt, verschwendet sich auch als Nebendarsteller. Und fristet so ein tristes Los als ewiger Mann in der zweiten Reihe. Für einen Star ist er vielleicht zu allerweltsgesichtig. Dass er nie so ganz heraussticht, mag indes auch damit zu tun haben, dass er gern den Unterkühlten, Nonchalanten spielt. Insofern ist er für die Komödie "Arschkalt", die am Donnerstag ins Kino kommt, die ideale Besetzung: Spielt er doch einen Tiefkühlkostvertreter, der auch emotional reichlich eingefrostet ist.

Sein Berg ist eine einzige Frostbeule. Einer, der sich mit seinem schneidenden Witz Kunden wie Kollegen vom Leib hält. Einer, der seine Firma, seine Frau und sein Haus verloren hat. Und nicht zufällig bei der Tiefkühlkost gelandet ist. Manchmal wünscht er sich, er wäre ein Fischstäbchen: "Früher oder später würde ich in der Pfanne landen, aber bis dahin hätte ich wenigstens meine Ruhe." Er hat sich selbst schockgefroren, ein Eispanzer. Und die größten Gefahren, so erfahren wir einmal, drohen sowieso beim Auftauen.

Eines Tages aber kommen die Oberen aus dem Mutterkonzern "Mr. Frost" mit flauschigem Ohrenschutz in die Filiale, eine neue Chefin soll mehr Stringenz und Effizienz erbringen. Dabei wird der grantige Berg gleich zu Beginn gedrungen, sich des Sorgenkinds der Filiale anzunehmen. Moerer (Johannes Allmayer, der Zwangsneurotiker aus "Vincent will meer") kann keinen Gabelstapler fahren, ohne ganze Paletten an die Wand zu fahren, und verursacht schon mal einen Kurzschluss, der die Pangasiuslieferung verderben lässt. Aber nun soll die Plaudertasche den Wortkargen in die tiefste nordische Provinz begleiten. Und was als Zwangsgemeinschaft im Führerhäuschen beginnt, lässt, man ahnt es, den Obercoolen langsam auftauen. Ausgerechnet der Nervöter bringt den Mann aus der Reserve und schließlich zum Schmelzen.

Regisseur und Drehbuchautor André Erkau hat 2007 in seinem preisgekrönten Erstlingsfilm "Selbstgespräche" eigene Erfahrungen in einem Callcenter verarbeitet. Nun verlagert er seinen bissigen Blick auf die Welt der Arbeit ins Gefrierfachgewerbe (wo er indes nicht selbst gejobbt hat): eine sinnige Metapher auf unsere eisigen Zeiten und ihren kalten Kapitalismus. Wir wollen nicht unterschlagen, dass Erkaus Zweitling dabei zunächst ein wenig unterkühlt beginnt. Roadmovies, die nicht von der Stelle kommen, die nur von Kunde zu Kunde kreisen, das kennen wir aus dem Kulthit "Indien": Zwei Hygienebeauftragte testen Restaurants. Oder aus "Reine Geschmackssache": Ein Handelsvertreter von Damenoberbekleidung zwingt seinen Sohn, ihn zu chauffieren. Immer ist der Wagenlenker meilenweit von seinem Beisitzer entfernt, und doch kommen sich die so unterschiedlichen Charaktere mit jedem Kilometer näher.

Es bedarf nur eben außergewöhnlicher Dialoge und außergewöhnlicher Darsteller, um diese im Grunde vorhersehbaren Plots doch zu etwas Eigenem zu drechseln. Erkau verfügt über beides. Über einen Dialogwitz, der wohl auf Trockeneis gelegt wurde, so knisternd knacken die Pointen. Und einen Herbert Knaup, der einmal mehr die Kunst vollbringt, aus einem Misanthropen eine Sympathiefigur zu machen, ohne dabei eine Figur zu verraten. Er könnte den Film dominieren, könnte den Jungen neben sich an die Wand spielen. Aber er lässt ihm Raum, macht aus dem ungleichen Paar ein Duo auf Augenhöhe, das sich mit der überraschend menschlichen Chefin schließlich zum Trio auswächst.

Froststresstest in der Sneak Preview

Aber wird die Fischstäbelei auch beim Publikum ankommen? Wir haben die Probe aufs Exempel gemacht. Sozusagen einen Froststresstest. Wir gingen Montagnacht um 23 Uhr in den Titania-Palast in Steglitz, zur Sneak-Preview, und waren die einzigen, die wussten, was da laufen würde. Um uns herum ein sehr junges, mit Popcorneimern und Chipstüten gerüstetes Publikum, das sich offensichtlich was Fäkalhumoriges oder Actionreiches, jedenfalls was Amerikanisches erhofft hatte. Als der Vorspann beginnt: ein enttäuschtes "Ooch". Der Koproduzent "Das kleine Fernsehspiel des ZDF" sorgt gar für verzweifeltes Glucksen. Immerhin: Der Filmtitel versöhnt ein wenig, und trotz des mittelaltrigen Hauptdarstellers bleibt das Publikum sitzen. Auch hier taut die frostige Stimmung allmählich auf, das zunächst zögerliche Gelächter wird immer lauter und ungenierter. Nur sechs Zuschauer verlassen den Saal. Ein guter Schnitt.

"Arschkalt" ist also nicht nur Nischenkino. Über Fischstäbchenwitze kann jeder lachen. Nur Pangasiusfilet wird man so bald nicht mehr aus dem Gefrierfach holen. Mit der Frostkost werden einfach zu derbe Späße getrieben.

"Eine sinnige Metapher auf unsere eisigen Zeiten und den kalten Kapitalismus"

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