Tanzoper

Wer ewig liebt, kann nur unglücklich sein

So verrätselt wie unsere Seele ist Toshio Hosokawas Oper "Matsukaze", die im Schiller-Theater ihre gefeierte Berliner Premiere hatte. Im Grunde geht es um die Liebe, ein ewig ungeklärtes Thema, weltweit.

Damit beginnt auch schon das Rätselhafte dieser Produktion: Während mitteleuropäische Romantiker zutiefst im Herzen auf die Kraft, die Verunsicherung und die Unsterblichkeit der Liebe hoffen, will uns die Oper genau das Gegenteil als Ideal nahelegen. Erst, wenn jemand von allen menschlichen Gefühlen, auch der Liebe, loslässt, kann er glücklich sterben und als etwas Neues in den Kreislauf der Natur zurückkehren. Das ist (japanischer) Buddhismus pur. Insofern kann man die neueste Produktion von Sasha Waltz auch ein euro-buddhistisches Tanztheater nennen. Es ist ein düster-schönes Stück geworden. Es verlangt nach innerer Muße.

Die Handlung der Oper "Matsukaze", die auf ein gleichnamiges No-Stück von Zeami zurück geht, ist schnell erzählt. Ein Wandermönch kommt an den Strand, wo ihm ein Fischer die alte Geschichte einer immergrünen Kiefer erzählt. Er berichtet von zwei Salzfrauen. Die beiden Schwestern Matsukaze (Wind in den Kiefern) und Murasame (Herbstregen) verliebten sich einst in denselben Mann. Der stirbt, zurück bleiben die bis heute unerlösten Seelen die Liebenden. Danach beginnt ein Traumspiel zwischen Erinnerung und Vergessen, zwischen Begehren und Verzichten. Es ist vor allem ein Tanz der unruhigen Geister. Die fünf Szenen der achtzigminütigen Oper heißen schlicht Meer, Salz, Nacht, Tanz, Morgenrot. Dahinter aber verbirgt sich vielerlei und kaum übersetzbare Symbolik.

Suche nach der Innenwelt

Was den japanischen, in Berlin lebenden Komponisten Toshio Hosokawa und die Berliner Choreographie-Ikone Sasha Waltz miteinander verbindet, ist sofort spürbar: Es ist die Liebe zur Natur und zur Poesie, es offenbart eine melancholische Suche in der Innenwelt. Eine zauberhafte Begegnung zwischen japanischem No-Theater und abendländischer Oper ist den Beiden geglückt, "Matsukaze" hat seinen ganz eigenen Atem, dem man sich kaum entziehen kann. Das No-Theater mag eine dem Wagnerschen Gesamtkunstwerk vergleichbare Hochkultur sein, die mehrere Künste in sich vereint. Aber während die Oper ihre Gefühle lauthals nach außen schreit, kann im No-Stück eine klitzekleine Handbewegung der Hauptfigur die ganze Psyche in sich zusammenstürzen lassen. Diese stillen, auch erstarrten Rituale hat Sasha Waltz in fließende Bewegungen überführt. Ihre Compagnie adaptiert ganz fern auch Tierfiguren, wie wir sie aus dem asiatischen Schattentanz und -kampf kennen. Daneben steht das artistische Dasein, in einer Art Spinnwebenwand quer über die dunkle Bühne. Darin hält Sasha Waltz ihre Geister gefangen.

Eingespielte Naturgeräusche gehören zur Oper, der Wind und das Meer. Hosokawas Musik folgt offenbar japanischen No-Strukturen, der ewige Fluss des Lebens mündet in kathartische Ausbrüche. Dann verwandelt sich das Schiller-Theater kurzzeitig in einen Tempel. Sänger, Tänzer, Orchester - alles fügt sich aufs Wunderbarste.