Bühne

Seit einem Jahr ist er das Gesicht der Staatsoper im Schiller-Theater: Jürgen Flimm wird 70

Es gibt Intendanten, von denen denkt man, die seien doch schon ewig im Amt. Das sind die Künstler, die Selbstdarsteller unter den graumäusigen Hausverwaltern. Letztere kennt kaum einer.

Jürgen Flimm dagegen wirkt wie ein alter Vertrauter, dabei ist er gerade mal seit einem Jahr Intendant der Staatsoper Unter den Linden. Der gebürtige Gießener hat in seiner ersten Saison in Berlin keine Gelegenheit ausgelassen, für sein Haus und sich selbst in der Öffentlichkeit zu streiten, vor allem gute Stimmung zu verbreiten. Er ist ein freundlicher Brummbär. Genau genommen ist Flimm das Gesicht des Schiller-Theaters.

Und er genießt sein Amt: Wie ein Kapitän schwankte er fröhlich plaudernd über einen der Spreekähne, mit denen die Staatsoper letzten Sommer symbolisch von Mitte nach Charlottenburg umzog. Mit Bauhelm erläuterte er im Schiller-Theater, das seither das Ausweichquartier der Staatsoper ist, die nötigen Umbauten. Leutselig erklärt er Spielpläne, Stückübernahmen, Umbesetzungen. Nur Baggerführer wollte er nicht sein, als bekannt wurde, dass sich die Sanierung des Nobelhauses Unter den Linden verzögert. Dann zuckt er nur mit den Achseln und plant halt ein Jahr länger im Schiller-Theater.

Flimm ist eben nicht nur ein erfahrener Theater- und Opernregisseur, sondern auch ein gewitzter Intendant, der es irgendwann gelernt hat, sich selber zurücknehmen zu können. Was bei einem Stardirigenten wie Daniel Barenboim auch unerlässlich ist. Flimms Vorgänger sind daran gescheitert, er dagegen lässt Barenboim die großen Auftritte. Der Generalmusikdirektor hat gerade dieser Tage seinen Vertrag bis 2022 verlängert, so weit will ihn Flimm als Intendant aber nicht begleiten, höchstens bis 2016, sagt er. Ist das Altersweisheit?

Über sein vorheriges Amt als Chef der Salzburger Festspiele sagt Flimm, das sei nicht der richtige Job für ihn gewesen. Dort ist er auch in einem unschönen, öffentlich ausgetragenen Streit gegangen, das Berliner Angebot kam genau zum richtigen Zeitpunkt. Zweifellos ist Flimm über die Jahrzehnte in politisch-kulturelle Vernetzungen hineingewachsen, ist selbst zum Gestalter geworden. Zeitweilig war er Präsident des Deutschen Bühnenvereins und hat sich als rühriger Interessenvertreter einen Namen gemacht. Auch an der Einführung eines Kulturstaatsministers auf Bundesebene war er beteiligt, er gehörte zur Beraterrunde des damaligen Bundeskanzlers Schröder.

Ohne ein gewisses Maß an Durchsetzungskraft und gepflegter Eitelkeiten hätte er sich nie so lange im Kulturbetrieb in den Spitzenpositionen halten können. Er leitete das Kölner Schauspielhaus, das Thalia Theater in Hamburg, die Ruhrtriennale. Die fünfzehn Jahre in Hamburg - von 1985 bis 2000 - waren die Glanzzeiten des gleichsam tollkühnen Regisseurs wie strengen und fürsorglichen Patriarchen. Und so verwundert es kaum, dass er seinen heutigen 70. Geburtstag nicht in Berlin, sondern mit einer Riesenparty in seinem Haus nahe Hamburg feiern wird.