Bühne

Seit fast zwei Jahrzehnten hat er die Berliner Volksbühne fest im Griff: Frank Castorf wird 60

Das Publikum von Frank Castorf hat Nerven. Und die braucht es auch. Denn Castorf - seit fast 20 Jahren Intendant der Berliner Volksbühne - schätzt nicht nur bei seinen Spielern einen "leichtmütigen Masochismus".

Wer sich je um eines von 230 Tickets prügelte, um auf einem unbequemen Baugerüst Martin Wuttke stundenlang nicht zuzuschauen, wie er auf Bananenschalen ausrutschte, weiß, was gemeint ist. Dass man wenig sah, lag an den vielen Wänden, die Castorf einzog. Selbst schuld, wer hinging. Das Stück hieß nicht umsonst "Der Idiot". Und war doch eine Offenbarung. Vorausgegangen war ein Streit um Fördergelder. Falls er die Summe X nicht bekäme, so Castorf, würde er die Stadt verlassen. Er bekam sie nicht. Was tun? Castorf ließ frech die "Neustadt" bauen: ein Gerüst auf der Drehbühne, die Zuschauerränge übertreppt.

Das war Anfang der Nullerjahre, Castorfs goldene Ära. Zwar hatte er seit 1992 legendäre Abende verantwortet, in eigener Regie oder durch Leute wie Christoph Schlingensief ("Rocky Dutschke") und Christoph Marthaler ("Murx ihn!"). Jetzt, auf der Höhe seines Erfolg, sahnte er ab: anarchisch-ausufernde Inszenierungen wie "Endstation Amerika", "Erniedrigte und Beleidigte", "Kokain". 2002 und 2003 wählte die Zeitschrift "Theater heute" Castorf zum "Regisseur des Jahres".

"Castorf Jalousien" hieß der Eisenwarenladen, den sein Vater ein paar Straßen weiter betrieb. Auf Französisch bezeichnet "Jalousie" sowohl einen metallenen Vorhang wie Eifersucht. So war Castorfs Weg wohl vorgezeichnet. Auch wenn er anfangs durch die Rauheiten von DDR-Armee und Theaterwissenschaft in die ostdeutsche Provinz führte. Theatermachen bedeute für ihn, Kind sein zu können, sagte Castorf 1995 in einem Gespräch mit Günter Gaus. Da sprach er auch von der Selbstironie, die er sich auch mit 60 bewahren wolle. Er erinnerte dabei seltsam an Joschka Fischer: dieselbe geschürzte Unterlippe, dasselbe angestrengte Augenzwinkern. Ist das die Pose von Kleinbürgerkindern, die rübergemacht haben in die Welt von Politik und Theater? Hätte Fischer diese Sätze nicht auch sagen können: "Theater hat den politischen Standort, die Haltung verloren. Wer sagt denn noch: Lass uns doch Deutschland in seiner Arschigkeit mal extrem angreifen mit den Mitteln des Theaters?"

Dass er gerade das nicht mehr tut, wird Castorf seit ein paar Jahren vorgeworfen. Seine Kissen-, Schrei- und Fallobst-Schlachten seien geronnen zum "szenetypischen Unterhaltungsprogramm, das es sich in der Selbstreferenz gemütlich gemacht hat. Joschka Fischer passierte Ähnliches, aber der verließ die Politik. Weil Castorf aber an seinem Sessel klebt, gingen die Schauspieler: Hübchen, Wuttke, Fritsch. In dem Gespräch mit Gaus beschreibt Castorf das Ende der DDR: "Es war ein total stehendes Gewässer. Und da weiß man, danach muss eine frische Brise kommen." Vielleicht nimmt Castorf seinen heutigen 60. Geburtstag zum Anlass, diese Worte endlich auch einmal auf die eigene Arbeit zu beziehen.