Kunstsache

Wie die "based in Berlin"-Schau auf die Galerien abstrahlt

Was haben Klaus Wowereit und Dieter Bohlen gemeinsam? Klar: Beide sind schuld, dass eine Reihe von Menschen bekannt geworden sind, auf deren Bekanntschaft ich gern verzichtet hätte.

Im Grunde funktioniert Wowereits Talentschau "based in Berlin" (biB), die noch bis Samstag läuft, nicht viel anders als DSDS - außer dass es keinen Gewinner gibt. Dafür wird umso emsiger gebastelt. Einen exemplarischen Arbeitsunfall hat der Athener Yorgos Sapountzis: Bei biB zeigt er ein Durcheinander von Aluminiumstangen, Stofftüchern, Abgüsse von Berliner Denkmälern und eine Videoprojektion. Das braucht niemand. Aber weil Sapountzis Galeristin Isabella Bortolozzi den großen Durchbruch wittert, hat sie ihm auch eine Einzelausstellung in ihrer Galerie verschafft. Dort sieht man: Aluminiumstangen, Stofftücher, eine Videoprojektion und Abgüsse von Berliner Denkmälern. Das Video zeigt den Künstler, wie er die Skulptur eines Mannes mit Stoffbahnen verkleidet und einen Gipsabdruck des Gesichts nimmt. Ich fand das furchtbar öde. Dann geriet plötzlich das Ehrenmal der Opfer des 20. Juli 1944 im Bendlerblock ins Bild, und ich war schockiert: Würde Sapountzis auch diese Skulptur für seine eitlen Kunstspielchen missbrauchen? Am Ende brachte er den Mut dafür nicht auf. Und der Film brach einfach ab. (Bis 6. August, Schöneberger Ufer 61, Schöneberg ).

Sunah Chois Beitrag bei biB war interessanter. Insofern durfte man sich auch von ihrer Einzelausstellung mehr versprechen, die die Galerie Cinzia Friedlaender ebenfalls strategisch genau jetzt veranstaltet. Der erste Raum überzeugte mich aber nur bedingt: Dort zeigt die Koreanerin Frottagen, bei denen sie das Muster verschiedener Straßenpflaster ins Papier gerieben hat (Preise: 1500 bis 3000 Euro). Nach Max Ernst kann man mit Frottagen kaum noch Innovationen vollbringen. Besser gefiel mir die Installation "Wall Piece" aus einem Bauzauns, in dessen Drahtgeflecht Posterfetzen hingen (10 000 Euro). Mich erinnerte das an die Décollages, als die Nouveaux Réalistes in den Sechzigern übereinandergeklebte Werbeposter von den Wänden schnitten und in die Galerie hängten. Solche Plakatansammlungen findet man heute kaum noch - schon gar nicht auf dem löcherigen Untergrund von Bauzäunen. Choi zeigt uns, dass alles flüchtiger geworden ist: nicht nur die Kommunikation sondern auch die Wand, auf der sie erscheint. (Bis 27. August, Potsdamer Str. 105, Schöneberg)

Jose Dávila ist nicht "biB", sondern "biG: based in Guadalajara. Allem Berliner Lokalpatriotismus zum Trotz ist die Ausstellung des Mexikaners in der Figge von Rosen Galerie die beste Schau eines jungen Künstlers, die ich vergangene Woche gesehen habe. Dávila setzt sich mit dem Erbe der westlichen abstrakten Kunst auseinander. So baut er Donald Judds hängende Metallskulpturen "Stacks" aus Umzugskartons und verschraubt sie mit mexikanischen Kronenkorken in der Wand (13 000 Euro). Das ist schon nicht schlecht, aber noch besser sind seine "Homage to a Square"-Bilder: Dafür hat der Künstler große Glasplatten übereinander an ein monochromes Acrylgemälde gelehnt. Durch die ungleiche Stärke des Glases verändert sich das Licht, die Farben werden blasser. Formen entstehen. So hat man das Gefühl, auf eines der typischen Bilder des Bauhaus-Malers Josef Albers zu blicken, auf denen verschiedenfarbige Quadrate hintereinander liegen. Dávilas Glasbilder sind die einfallsreiche Adaption eines modernen Klassikers und mit Preisen zwischen 6500 und 10 000 Euro fast zu billig. (Bis 27. August, Potsdamer Str. 98, Schöneberg).

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien