"Shadowland"

Tanz den Scherenschnitt

Seit Wochen hängen die Plakate in der Stadt: Menschen mit Tierköpfen als schwarze Silhouette vor einer großen, goldgelben Sonne. Die dreizehn Vorstellungen, die ab 20. Juli in der Komischen Oper geplant sind, sind bereits ausverkauft.

Das Hitpotenzial der Show ist beträchtlich. Sie vereint die altehrwürdige Form des Schattentheaters mit Popmusik, Modern Dance und einer berührenden Geschichte. In Amerika ist "Shadowland" schon gefeiert worden, nun läuft die Produktion in Deutschland. Die Gruppe heißt Pilobolus; nach einem Pilz, der mikroskopisch klein ist, aber seine Sporen schnell und weit auswerfen kann. Sie dürfte ihrem Namen Ehre machen.

Erster Erfolg mit einem Werbespot

Ihre Basis hat die Company in Washington Depot, einer Kleinstadt im US-Bundesstaat Connecticut, zwei Autostunden von New York - eigentlich tiefste Provinz. Es gibt weiße Holzhäuser, eine Kirche, einen Supermarkt und eine Gemeindehalle, in der Pilobolus proben, wenn der Raum nicht gerade für eine Hochzeit vermietet ist. Ein eigenes Haus hat die Gruppe nicht, obwohl sie in letzter Zeit sehr erfolgreich war. "Wir investieren unser Geld lieber in Produktionen und Krankenversicherungen für unsere Tänzer", sagt Michael Tracy, der zur künstlerischen Leitung der Company gehört. Er war 1971 auch einer der Gründer.

"Keiner von uns hatte Tanz studiert, aber da wir uns bei einem Tanzkurs kennengelernt hatten, machten wir einfach weiter." Der Stil, den die Gruppe entwickelte, wurde von der Presse als "gymnastisch" beschrieben. Das trifft es nicht, "aber die Kritiker brauchen ja immer eine Schublade, um einen einzuordnen. Bei uns gab es menschliche Pyramiden und Leute, die auf dem Kopf standen. Wir stützten uns gegenseitig, um überhaupt eine Balance zu finden." Doch das ist lange her. Die Truppe entwickelte ihren athletischen Tanzstil weiter und reiste durch die Welt. Ihre Choreografien wurden ins Repertoire vieler Ballettcompagnien übernommen, in den USA, Frankreich und Italien.

Außerhalb der Tanzwelt wurde die Gruppe bekannt, als sie einen Fernsehspot für die Automarke Hyundai kreierte. Die Tänzer waren darin zum ersten Mal als Schattenfiguren zu sehen und formten mit ihren Körpern erst Räder und Wippen und dann ein ganzes Fahrzeug. Ein erstaunlicher Effekt. Pilobolus wurde eingeladen, 2007 mit einer ähnlichen Nummer bei der Oscar-Verleihung aufzutreten "Da haben uns Millionen im Fernsehen gesehen", sagt Michael Tracy, "mehr als wir in den 36 Jahren davor mit unseren Tanzproduktionen erreicht haben. Wir wurden als Neuentdeckung gefeiert." Und so wurde aus dem "gymnastischen" Tanztheater das Schatten-Tanztheater, mit "Shadowland" als erster abendfüllender Show. Um mehr als nur einen kurzen Aha-Effekt zu erreichen, musste die Gruppe die Schattenbilder in eine Geschichte einbinden. Die Tänzer treten nicht nur hinter der Leinwand als zweidimensionale Silhouetten auf, sondern tanzen auch auf der Bühne davor. So werden Bilder möglich, in denen sich Schatten und reale Körper begegnen. Die Leinwand steht auf einem fahrbaren Gestell. So ist jederzeit ein Blick hinter die Kulissen möglich. Die Gruppe zeigt ihre Mittel und beweist, dass auch die komplexesten Schattenbilder aus menschlichen Körpern zusammengesetzt werden.

Im Zentrum des Stücks steht ein Mädchen an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Es schminkt sich vor dem Spiegel - bis die Eltern kommen und über seine Eitelkeit den Kopf schütteln. Als es sich schlafen legt, tauchen auf einer Leinwand hinter ihm Schattenbilder seiner Träume auf. Man sieht Tiere und Fabelwesen. Die Leinwand fährt um die Kleine herum, und auf einmal ist sie selbst Teil der Schattenwelt. Und muss die die verschiedensten Abenteuer bestehen. "Das Stück ist nichts für kleine Kinder", erklärt Michael Tracy, "aber es ist sehr spielerisch. Wir entwerfen surreale Welten, die so ähnlich funktionieren, wie die, die man aus 'Alice im Wunderland' kennt. Man weiß, dass die Figuren Karikaturen sind, aber man erkennt sie wieder, denn es gibt sie auch im wirklichen Leben."

Und so steckt das Stück voller Anspielungen. Man kann Platons Höhlengleichnis entdecken, aber auch Freuds Traumdeutung. Dabei ergeben sich immer wieder Szenen, die das Schattenspiel durchbrechen. Man spürt, dass Pilobolus eigentlich ein Tanztheater ist. Die Akteure umkreisen sich in gleitenden Bewegungen, springen in die Luft, rollen über den Boden - bis sie wieder in die Schattenwelt geraten. Am Ende kehrt das Mädchen in die reale Welt zurück - selbstbewusst und berstend vor Lebensfreude.

Alles wird mit dem Körper erspielt

Der Songwriter und Filmmusikproduzent David Poe hat die Musik geschrieben, Drehbuchautor Steven Banks, der in Hollywood lange für die Zeichentrickserie "SpongeBob" verantwortlich war, die Geschichte. Doch eigentlich ist das ganze Stück Teamarbeit. "Das hat mit der Arbeitsweise der Gruppe zu tun", betont Banks. "Es gibt sieben oder acht Tänzer, die nicht einfach Anweisungen ausführen, sondern eigene Ideen einbringen. Dazu kommt ein fünfköpfiges Regieteam." Der Text entstand während der Proben, was für den Autor manchmal frustrierend war, weil er nichts allein bestimmen konnte. Aber Banks räumt ein: "Wir sind auf Dinge gekommen, die ich allein am Schreibtisch nicht hätte erfinden können. Die Tänzer probieren alles, wirklich alles aus. Wenn ich etwa frage: 'Könnt ihr eine Frau darstellen, die auf einem Pferd sitzt?', dann probieren sie so lange, bis sie einen Weg gefunden haben, das zu tun."

Und diese Spielfreude ist in der Show erkennbar. Alle erdenklichen Tiere tauchen auf, vom Elefanten bis zum Regenwurm. Die Tänzer werden zu Blumen, Autos oder Möbelstücken - mit beeindruckender Perfektion. Requisiten werden kaum gebraucht, alles wird mit dem Körper erspielt. Das wirkt einfach, ist aber schwer, was man auch daran erkennen kann, dass der Stil bisher nicht kopiert wurde. "Shadowland" ist einzigartig, obwohl die Show schon seit zwei Jahren international auf Tournee ist. Nun kommt sie (endlich) auch nach Deutschland.