100 Jahre Filmstudios Babelsberg: Teil 2

Von Kopf bis Fuß auf Tonfilm umgestellt

Im Spätherbst 1929 fährt eine junge Schauspielerin aus Berlin mit der S-Bahn nach Neubabelsberg. Sie soll für eine Rolle vorsprechen. In einer Heinrich-Mann-Verfilmung. Mit Emil Jannings, dem eben aus den USA heimgekehrten Star, der den allerersten Oscar als bester Schauspieler bekommen hat.

Die Frau an seiner Seite soll ein leichtes Mädchen sein, eine Tingeltangelsängerin namens Lola Lola. Und dafür sind viele im Gespräch: Lucie Mannheim, Blandine Ebinger, und wenn's nach Heinrich Mann ginge, Trude Hesterberg. Ich werde die Rolle ja doch nicht kriegen, sagt sich die 27-Jährige.

Eigentlich soll sie für das Casting ein Lied vorbereiten, nimmt aber keine Noten mit. Der Regisseur, ein in den USA lebender Wiener, ist überrascht. Aber er lässt nicht locker. Dann soll sie halt irgendein Lied singen. Sie schlägt etwas Amerikanisches vor: "You're the Cream in my Coffee." Der Pianist kennt das nicht gut, verspielt sich. Das regt die junge Dame auf und das gefällt dem Regisseur. Spielen Sie das genauso. Aber diesmal mit Kamera. "Film 701. Sternberg/Miss Dietrich, Aufnahme 195, die Dritte."

Die Entwicklung fast verschlafen

Marlene Dietrich wird die Probeaufnahmen nie sehen. Und sie macht sich auch keine Hoffnung. Denn die hohen Tiere bei der Ufa glauben nicht an sie. Doch der Regisseur Josef von Sternberg will sie, ja er droht, ansonsten in die USA zurückzureisen und das Projekt platzen zu lassen. Er erkennt das Potenzial der Dietrich. Der eigentliche Star des Films, Emil Jannings, erkennt es auch. Der kassiert 200 000 Reichsmark Gage, das Fräulien nur 5000. Aber diese kleine, etwas pummelige Person droht ihm die Schau zu stehlen. Er sagt ihr ins Gesicht, aus ihr werde nie was. Aber der Regisseur weiß es besser. Er setzt sie immer ins beste Licht. Buchstäblich. Gruppiert ältere, fülligere Frauen um sie, damit sie noch attraktiver wirkt. Er setzt sie auf ein Fass. Und lässt sie singen.

Es sind großartige Lieder von Friedrich Holländer. Die Dietrich amüsiert sich köstlich über die Zeile von ihrem Pianola, an das sie keinen ran lässt. Weiß ja jeder, was damit gemeint ist! Ein Lied aber gefällt ihr gar nicht, das ist gewöhnlich und vulgär, da sollen Männer sie umschwirren wie Motten das Licht. Sie tröstet sich: "Wenn 'Der blaue Engel' erst mal abgedreht ist, muss ich das nie mehr singen."

Der Tonfilm kommt in Babelsberg erst zu früh und dann fast zu spät. Schon sieben Jahre zuvor, im September 1922, hat die erste deutsche Tonfilmvorführung im Alhambra-Kino am Kurfürstendamm Premiere. Das Publikum ist begeistert, aber die Presse wie auch die Ufa-Oberen sind es nicht. Sie glauben nicht an die noch holprige Erfindung. So werden die Tri-Ergon-Patente zum Lichttonverfahren nicht an Neubabelsberg, sondern nach St. Gallen verkauft.

Seit die Ufa im Oktober 1921 die Decla-Bisocop aufgekauft hat, lagert sie mehr und mehr ihre Aktivitäten aus ihren anderen Berliner Studios aus. "Arme Tempelhofer Ufa-Studios", schreibt damals der Kritiker Georg Herzberg, "Ihr könnt einem leid tun. Jahrelang herrschte bei euch ein Höllenbetrieb, jahrelang galtet ihr als die Favoriten unter euren Berliner Kollegen, und dann wurde aus dem kleinen Bruder Babelsberg ein großer, großer Bruder und Ihr wurdet simple Mietateliers." Neubabelsbergs aber - Postadresse Stahnsdorfer Str. 99-101 - erlebt seine Goldene Ära, hier entstehen Klassiker wie "Nibelungen", "Faust", "Der letzte Mann". Hier pilgern auch Ausländer wie der junge Alfred Hitchcock her, um ihr Handwerk zu lernen. Und statt der alten Glashäuser beginnt man 1925 mit dem Bau eines neuen Kunstlichtateliers, der "Großen Halle", 123 Meter lang, 56 Meter breit, das damals größte Atelier Europas, mit dem das Studio endgültig zu Deutschlands Hollywood wird.

In dieser kreativen Hochphase kann man auch den Spinnern mit dem Ton noch mal eine Chance geben. So experimentiert im Sommer 1925 ein Team um Guido Bagier mit elektro-akustischen Versuchen auf dem Babelsberg-Gelände. Doch das kommt zur Unzeit. Denn das Studio will mit einem neuen Meilenstein sogar Hollywood übertrumpfen und blockiert für das jüngste Fritz-Lang-Projekt das Areal über Monate. "Man will von unseren 'nutzlosen Experimenten' nichts wissen", stöhnt Bagier am 16. Juli, "und ist derart mit den Aufnahmen eines im amerikanischen Stil gehaltenen Monumentalfilms 'Metropolis' beschäftigt, dass wir den Lieferwagen mit unseren Apparaturen selbst ausladen und in einem entlegenen Schuppen provisorisch unterbringen mussten". Vier Tage später weicht seine Gruppe resigniert nach Weißensee aus: "Man lässt uns gerne ziehen, denn unsere Sache erregt Bedenken, ja heftigen Kampf. Ich glaube, viele Leute fürchten den Tonfilm, weil er sie in dem gewohnten Trott des Drehens stört." Bagiers als Langfilm konzipiertes Werk "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" wird nur 20 Minuten kurz und die Uraufführung gerät zum tontechnischen Debakel. Der Tonfilm fällt nun ganz vom Tisch, Bagiers Abteilung wird geschlossen.

Aber auch das Prestige-Projekt bringt der Ufa kein Glück. Im Gegenteil. "Metropolis" sprengt alle Rahmen, die anderthalbjährige Produktionszeit, die zigtausenden Statisten, aufwendigen Kulissen und Tricks lassen die Kosten ums Vierfache explodieren. Und auch wenn er heute als der Klassiker schlechthin gilt und als bislang einziger Film ins Weltdokumenten-Erbe aufgenommen wurde: Nach der Premiere im Januar 1927 floppt "Metropolis" empfindlich, wird gekürzt und verstümmelt (was die spätere Legendenbildung nur fördert). Das Desaster, aber auch falsches Management führen die Ufa in eine schwere Krise, und sie muss, da ist "Metropolis" noch gar nicht zu Ende gedreht, mit Hollywood, dem sie doch den Kampf ansagen wollte, kooperieren: Mit den Studios Paramount und Metro-Goldwyn-Meyer wird der Parufamet-Vertrag, ein Knebelvertrag geschlossen.

Und dann auch noch dies: Die Amerikaner haben die Tri-Ergon-Patente gekauft und entwickeln erste Tonfilme. Neubabelsberg hätte die Nase vorn haben können - und hat den Trend schlicht verschlafen. "The Jazz Singer" ist nicht der erste durchgehende Tonfilm der Geschichte, wie oft behauptet wird, und er wird noch im Nadeltonverfahren aufgenommen, eine Technik, die sich nicht durchsetzt. Aber als dann die ersten Lichtton-Filme Premiere haben, weiß man nun auch in der Ufa, was das Stündlein geschlagen hat. Jetzt rüstet man nach. Und zwar schnell.

Das Tonkreuz entsteht in Rekordzeit

Am 25. April 1929 marschieren Arbeiter mit Spitzhacken und Schaufeln an und reißen noch bestehende Metropolis-Kulissen ein. Sie bauen gleich vier moderne Tonfilm-Ateliers auf, das berühmte "Tonkreuz", mit je 600 Quadratmetern großen Nord- und Süd sowie je 450 Quadratmeter großen Ost- und West-Ateliers. Schon am 25. Juni wird es fertiggestellt, Rekordzeit! Vier Monate später wird das technische Wunderwerk der Presse präsentiert. Auch die alten Ateliers werden umgerüstet, ein bereits stumm begonnener Film "Melodie des Herzens" wird plötzlich laut und hat am 26. Dezember Premiere, als erster Tonfilm der Ufa. Und am 4. November fällt die erste Klappe für "Der blaue Engel". Josef von Sternberg setzt Marlene aufs Fass und Heinrich Mann ist überzeugt: "Den Erfolg dieses Films werden in erster Linie die nackten Oberschenkel der Frau Dietrich machen."

Wie wahr. Die Maschinenfrau aus "Metropolis" ziert noch heute das Logo des Filmstudios. Aber keiner spricht von Langs Maria, kaum einer weiß den Namen der Darstellerin. Jeder aber kennt Marlene, nach der 1995 auch das Herzstück der Großen Halle benannt wird. Mit "Der blaue Engel" hat Babelsberg endgültig das Sprechen - und das Singen gelernt. Und mit Marlene seinen einzigen echten Weltstar hervorgebracht. Der aber reist noch am Abend des 31. März 1930, nach der Premiere des "Blauen Engels" im Berliner Gloria-Palast, Richtung USA ab. Und startet eine Weltkarriere. "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt", Holländers Lied von den Motten und dem Licht, sollte sie ihr Leben lang singen.