Die Heiligtümer des Todes II

Der "Da-muss-ich-alleine-durch"-Potter

Von Liebe keine Spur. Sicher, einmal wird verliebt gestarrt, einmal wird verliebt geküsst, und Dumbledore, der weise Alte, darf von der Liebe schwärmen, und Lily, Harrys Mutter, muss ihre Liebe noch einmal versichern. Aber Dumbledore und Lily sind ja auch schon tot, die haben nichts Wichtigeres mehr zu tun. Harry Potter hingegen zieht ins finale Gefecht.

Für Harry-Potter-Fans sind die Harry-Potter-Filme so eine Art Horkruxe, jene Hülsen, in die der böse Voldemort kleine Stückchen seiner Seele ausgelagert und verteilt hat, um seinen Tod hinauszuzögern. Insbesondere, seit der letzte Band 2007 erschien, gibt ihnen jeder Film wenigstens noch ein kleines Stück vom Potter-Glück, und ein Regisseur müsste schon sehr viel falsch machen, bevor die Massen nicht selig in die Sessel sänken, dankbar, dass sie Harry Potter noch einmal begleiten dürfen in den letzten Kampf, den wirklich allerletzten.

Überall Abschiedsstimmung

David Yates, für alle Verfilmungen seit dem fünften Band verantwortlich, hat nichts falsch gemacht. Der zweite Teil der "Heiligtümer des Todes" knüpft nahtlos an den ersten an; damals begruben Harry, Ron und Hermine den hilfreichen Hauself Dobby am Strand, und an diesem Strand beginnt der Film, nur dass jetzt - ganz kurz, zu Ehren Dobbys - die Sonne scheint. Dann wird es wieder dunkel, und Harry ist wieder allein.

Auch hier gilt, was sich schon vom ersten Teil der "Heiligtümer" sagen ließ: Yates hat nicht das Buch bebildert, sondern eine Stimmung - Abschiedsstimmung. Keine romantischen englischen Moore sind das, sondern karge Vulkanlandschaften, fast schon surreal in ihrer Weite und Trostlosigkeit, als hätte Dalí Harry Potters Seele nach außen gekrempelt und in Stein gegossen. Hogwarts liegt im Dunkeln, die fröhlichen Feste gibt es schon lange nicht mehr, in ihren schwarzen Schuluniformen marschieren die Internatsschüler durch die Hallen und heben sich kaum ab vom Grau der Wände. Die Zauberstäbe sind jetzt nichts als Waffen, die Zauberei kein Hokuspokus, sondern Krieg.

Nur Luna bringt hier Farbe rein, ihre Kleidung ist als einzige nicht schwarzblaugrau. Harrys alte Mitschülerin, die verrückte Träumerin, die nie von dieser Welt zu sein schien und auch nicht von jener, sie darf noch ein bisschen leuchten, sie gehört noch immer nirgendwo dazu - und natürlich ist es ausgerechnet sie, die Potter ein paar Mal den richtigen Weg weisen kann.

Man hätte es kaum für möglich gehalten, aber "Heiligtümer II" ist noch düsterer, Harry noch einsamer. Der erste Teil inszenierte immerhin noch die Wir-gegen-den-Rest-der-Welt-Freundschaft von Harry, Ron und Hermine, der zweite zelebriert den Da-muss-ich-alleine-durch-Potter. Daniel Radcliffe spielt ihn inmitten einer grandiosen Endzeitkulisse als gehetzten, fast schlecht gelaunten Krieger, der vor lauter Schuldgefühlen - es mussten schon genug für Harry Potter sterben - keine Hilfe mehr annehmen und den Kampf gegen Voldemort, den dunklen Lord, endlich hinter sich bringen will. Da stürzt sich kein heroischer Märtyrer in den Krieg, da hetzt ein unfreiwilliger Held durch die Schlacht, als gelte es, die Stationen einer sadistischen Schnitzeljagd - nämlich Voldemort mitsamt seiner Horkruxe zu zerstören und nebenbei noch die drei "Heiligtümer des Todes" zu finden - möglichst schnell abzuhaken, damit er, Potter, endlich seine Ruhe hat. Und wenn es die ewige, letzte ist: egal.

Manch einer spekulierte nach dem ruhigen ersten Teil, der Regisseur habe sich alle Action und Effekte für ein zwei Stunden langes Finale aufgehoben. Falsch. So wild entschlossen sich Harry auch auf seinen letzten Kampf stürzt - Yates interessiert sich nach wie vor mehr für den komplizierten Charakter Harry Potter und das Böse in Gestalt von Voldemort & Co. als für dramatische Showdowns. Es ist dem Regisseur gelungen, dramatische Schlüsselszenen in eine ausgeruhte Erzählhaltung einzubetten, ein raffinierter Schachzug, denn so fällt auch weniger auf, wie viel auch in dieser Verfilmung wieder aus- und weggelassen und vereinfacht werden musste. Ja, manchmal gewinnt die Geschichte gar durch Yates' Interpretation: Als sein verhasster Lehrer Severus Snape stirbt, muss Harry aus einem wichtigen Grund etwas von ihm in einem Fläschchen auffangen. Im Buch ist das eine eklige, geheimnisvolle Substanz, "silbrig blau, weder Gas noch Flüssigkeit", die aus Snapes Mund und Augen sprudelt - im Film sind es in poetischer Klarheit die Tränen des verkannten Lehrmeisters. Das - so wird wohl auch der größte Bewunderer von J.K. Rowlings Erzählkunst zugeben, ist die bessere, die schönere Idee.

Die Schurken implodieren

Ja, die Schurken implodieren in den "Heiligtümern II" fast wie nebenbei, mit Grandeur fällt nur die Burg Hogwarts, um sich in ein Flüchtlingslager zu verwandeln. Alles halb so schlimm, das lässt sich wieder aufbauen, zumal mit Zauberkraft, locker aus dem Handgelenk. Und Harry, Ron, Hermine stehen auf der halb zerstörten Brücke zu ihrem alten Internat - erwachsen jetzt, am Leben und am Tod geschult. Was für ein Ende!

Aber die Größe, auf den schon am Buch viel kritisierten Epilog "19 Jahre später" zu verzichten, die fehlte den Filmemachern. Und so wie der siebte Band dadurch wieder zum Kinderbuch wird, so pappt auch hier ein Kinderfilm am Ende. Wir sehen die Helden 19 Jahre später, erwachsen, jetzt mit eigenen Kindern, die am Gleis zum Hogwarts-Express gebracht werden, auf dass sie im Internat zu Zauberern erzogen werden können. Knallrot ist der Zug, in Käfigen flattern niedliche Eulen, putzige Kröten kleben an den Fensterscheiben der Abteile, die vor ausgelassenen Schülern nur so brummen. Und Daniel Radcliffe, mit digitaler Hilfe 19 Jahre älter gemacht, sieht jetzt aus wie Michael J. Fox, also auch nicht viel älter als 17.

Nein, so wollen wir Harry Potter nicht in Erinnerung behalten. Irgendwo versteckt sich sicher noch ein Horkrux.