Ingeborg-Bachmann-Preis

Vom Trugbild der Idylle

Manche Bücher brauchen Zeit. Sie schreiben sich nicht von selbst und schon gar nicht rasch, weil in ihrer Geschichte Privates und Politisches immer noch arbeiten. Mit 50 Jahren hat die Österreicherin Maja Haderlap jetzt ihren ersten Roman veröffentlicht.

"Engel des Vergessens" erscheint verblüffend synchron zu den politischen Zeitläufen ihres Heimatlandes, und das ist ein Signal, das den Politikern, die Maja Haderlap am letzten Wochenende den Ingeborg-Bachmann-Preis überreichen mussten, die Schamesröte ins Gesicht getrieben hat.

Sechs Jahrzehnte lang hat man den Widerstandskampf österreichisch-slowenischer Partisanen gegen Hitlerdeutschland verschwiegen oder denunziert. Jetzt, wo man sich durch weitere zweisprachige Ortsschilder der Minderheit immerhin annähert, will dieser autobiografische, aus Sicht eines heranwachsenden Mädchens erzählte Roman alles: "Engel des Vergessens" ist ein Zeitdokument von hoher poetischer Kraft, eine Recherche in den Tiefen der Geschichte, die die Beteiligten immer noch im Griff hat.

Schutz im Südkärntner Wald

Es geht darin um eine Familie und um den Widerstand gegen ein System, ums Hoffen und ums Irrewerden. Der ab 1941 geführte Kampf der Partisanen gegen die NS-Truppen wird mit ungleichen Mitteln geführt, viele Slowenen werden deportiert, am Wegrand oder noch am eigenen Hof erschossen. Langsam und unaufgeregt ist die Sprache des Romans, ein präziser Gegenentwurf zur schlimmen Handgreiflichkeit der Ereignisse. Maja Haderlap zeigt, wo die politischen Waldgeister wohnen. Die Bäume umkreisen die Häuser, und die Menschen darin umkreisen den Wald. Sie erzählen von ihm und von den Gefahren und Verstecken. Immer wieder kehrt Maja Haderlaps Roman in den längst nahezu mythischen Raum des Südkärntner Waldes bei Eisenkappel zurück, in das Gebiet der Angst und der Zuflucht.

Das in aller poetischen Genauigkeit abgeschilderte Dickicht changiert auch in der Sprache zwischen Idyll und Gefahr. Wer mit einem Stück Speck in den Forst geht, der ist abends wieder zu Hause, wer aber mehrere Hosen und Mäntel übereinander trägt, der wird länger draußen bleiben. Mit rußgeschwärzten Gesichtern hausen die Partisanen in den Wäldern und in Bunkern, sie essen rohes Fleisch, weil jeder Rauch sie verraten könnte.

Genau und ohne Verklärung schildert der Roman das Leben und den Kampf der Partisanen. Es ist ein Todeskampf, der in der Retrospektive lange Listen ergibt. Kein Einschichthof, bei dem es nicht Namen von Ermordeten gibt. Die NS-Polizisten schießen in die Stuben der Keuschen. Wer sich verletzt in die Büsche flüchtet, wird doch noch hinterrücks erschossen. Wieder und wieder ist in den Erzählungen der Familien von den Lagern die Rede, in die die slowenischen Frauen und Männer deportiert werden.

Per NS-Definition ist mit den slawischen Untermenschen kein Staat zu machen. Orte wie Ravensbrück, Dachau, Auschwitz und Mauthausen tauchen in den Erzählungen auf, die die Ich-Erzählerin als kleines Mädchen hört. Später findet sie das Lagerbuch der Großmutter, die 1943 nach Ravensbrück gebracht wurde. Drei kleine Seiten braucht die Großmutter nur, um schriftlich festzuhalten, was während dreier Jahre geschehen ist.

Sie hat überlebt. Zu dem, was sie gesehen hat, wird ihr das slowenische "grozno" für "schrecklich" nicht einfallen. Beharrlich bleibt sie beim Wort "befremdlich". Maja Haderlaps Roman maßt sich nicht an, eine Opfer-Psychologie zu liefern. Wenn von den lebenden Toten die Rede ist, die voll böser Erinnerungen durch die Dörfer gehen, von denen, die im Lager verrückt geworden sind, dann sind das Geschichten, die man auf den Gehöften hört, auch am Hof der Ich-Erzählerin. Gerade einmal zwölf Jahre ist der Vater alt, als ihm die Gestapo-Leute einen Strick zeigen, mit dem sie ihn aufhängen wollen, wenn er das Versteck seiner Verwandten nicht preisgibt.

Der traumatisierte Vater

Das damals durchlebte Trauma bleibt. Der Vater ist ein potenzieller Selbstmörder bis zu seinem Ende, auch wenn er eines natürlichen Todes stirbt. Geht er allein auf die Tenne, läuft ihm die Familie ängstlich hinterher. In dem einfachen Holzfäller ist ein Schweigen, das wiederum nur sprachlos überwunden wird. Im Zorn und im Selbstmitleid. "Engel des Vergessens" ist auch ein Porträt dieses Vaters, den sich die Tochter stark gewünscht hätte, der aber schwach ist.

Maja Haderlap will nichts glätten, weder die Vatergeschichte noch die schwierige Beziehung zur Mutter. In der Familie und in der Kärntner Gesellschaft sind die Gräben nicht linear. Was das Politische betrifft, ist man vielleicht gerade dabei, eine Annäherung zu finden. Der Zerfall des Nachbarn Jugoslawien kann bei diesen Verspätungen kein Trost sein. Dort ist die Geschichte andersrum verlaufen. Der Partisanenkampf gegen Nazideutschland als einigendes Gründungsdokument des neuen Staates. In den Sechzigerjahren, in denen Maja Haderlaps Roman vor allem spielt, hängen die Fotos des Oberpartisanen und Staatspräsidenten Josip Broz Tito in jeder jugoslawischen Wirtsstube.

Die Kärntner Slowenen waren wohl weder in ihrer Partisanenzeit noch danach Kommunisten, wie von den sogenannten Deutschkärntnern gerne behauptet, sondern eher brave Katholiken. Außerordentlich dicht sind die Erzählungen Maja Haderlaps, in denen sich das Ungelenke der politischen Überzeugungen zeigt. Einmal sitzt die Tochter mit dem Vater in einem Dorfwirtshaus. Es kommt zu hitzigen Debatten zwischen einem Deutschkärntner und dem slowenischen Österreicher. Selber Schuld, die Slowenen! Hätten Sie doch auch treu dem Führer gedient! Der Vater weiß nicht, wohin mit seinem Zorn. Betrunken torkelt er zum Traktor, kann ihn bei der Heimfahrt kaum auf der Straße halten. Er steigt ab und wirft sich in den Schnee. Aufstehen Kamerad!, schreit ihn die Tochter an und reißt den Arm hoch wie zum Hitlergruß. Da muss der Vater lachen. Das Absurde, das er als existenzbedrohend erlebt hat, kann manchmal auch komisch sein. Nach und nach emanzipiert sich die Tochter, verlässt den Talgraben. Sie wird Dramaturgin, Lyrikerin, wie die Autorin. Das ist dann vielleicht auch ein bisschen viel Autobiografie.

Maja Haderlap Engel des Vergessens. Wallstein Verlag, 250 Seiten, 18,90 Euro.