Heinz Reincke

Das Gesicht des Nordens

Er galt als bärbeißiger, kühler Norddeutscher - und lebte doch lieber im süßlich-verspielten Wien. Als Charakterdarsteller hatte er eine beeindruckende Bühnenkarriere gemacht - und ist dem breiten Publikum doch vor allem durch seine Rolle als Ex-Pastor Eckholm in der Fernsehserie "Der Landarzt" bekannt.

Er war seit Jahrzehnten eines der markantesten Gesichter des ZDF. Am 13. Juli ist der Schauspieler Heinz Reincke in der Nähe von Wien gestorben. Schon seit Jahren machte dem aus Kiel stammenden Darsteller die Gesundheit zu schaffen. Nun hat er den Kampf gegen den Lungenkrebs verloren.

"Schauspielen, schauspielen, schauspielen. Und das Boxen", zählte Reincke, Jahrgang 1925, einmal in einem Interview als größte Leidenschaften seines Lebens auf. In rund 100 Kino- und Fernsehverfilmungen spielte er mit. Einen seiner frühesten Auftritte hatte er in "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" (1957). Ursprünglich hatte seine Mutter für ihn einen soliden Beamtenberuf im Sinn. Doch schon bei seiner Lehre bei der Industrie- und Handelskammer übernimmt Reincke Komparsenrollen im Stadttheater, arbeitet später als Souffleur oder Inspizient.

Selbst als französischer Kriegsgefangener kann Reincke zum Ende des Zweiten Weltkrieges nicht von seiner Passion lassen - im Lager ist er Teil einer Theatergruppe. Nach dem Krieg zieht er mit einer Wanderbühne durch Deutschland und arbeitet sich zu immer bekannteren Bühnen vor. Sein Weg führt ihn von Schleswig über Bonn nach Stuttgart.

Der große Durchbruch aber kommt 1955, als ihn Regisseur Gustaf Gründgens an das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg holt. Es folgen große Rollen in Klassikern: Beckmann in Borcherts "Draußen vor der Tür", Keil in Hauptmanns "Rose Bernd", Shakespeares "Macbeth" und Mephisto im "Urfaust". Er gilt als wandlungsfähig-dynamischer Schauspieler mit hervorragender Sprechkultur. Am Wiener Burgtheater gastierte Reincke zum ersten Mal in der Spielzeit 1966/67, als Robespierre in "Dantons Tod". Dem Ensemble des renommierten Hauses gehörte er schließlich von 1968 bis 1985 an. Zu seinen Rollen zählten Ottokar in "König Ottokars Glück und Ende", Herr Biedermann in "Biedermann und die Brandstifter" und Willy Loman in "Tod eines Handlungsreisenden". Seine letzte Bühnenvorstellung gab er als Wilhelm Voigt in "Der Hauptmann von Köpenick".

"Der Charme der Menschen im Süden" habe ihn auch privat an Österreich gebunden, sagte Reincke einmal. 1970 nimmt er zusätzlich die Staatsbürgerschaft des Alpenlandes an, kauft sich später ein Haus am Mondsee und lässt sich in Wien nieder. Dort lebt er bis zu seinem Tod mit seiner dritten Ehefrau, Elfi Petsch. Im deutschen Fernsehen wird der kernige Norddeutsche über Jahrzehnte hinweg zum Publikumsliebling. Er steht an der Seite von "Heintje" in rührseligen Heimatfilmen, spielt in Streifen wie "Fluchtweg St. Pauli - Großalarm für die Davidswache" das Nordlicht mit dem Herz am rechten Fleck. Auch in Serien wie "Großstadtrevier" und "Zwei Münchner in Hamburg" ist Reincke vertreten. Eine seiner letzten Rollen spielt er im Dauerbrenner "Der Landarzt". Zu den großen ZDF-Fernsehfilmen mit Reincke gehören die Simmel-Verfilmung "Es muss nicht immer Kaviar sein", die Kästner-Verfilmung "Das fliegende Klassenzimmer" und der Dreiteiler "Zwei Asse und ein König".

Für seine Arbeit erhielt Reincke in Österreich und Deutschland zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Große Bundesverdienstkreuz und 1991 in Berlin die Goldene Kamera für "Geschichten aus der Heimat".