Satire

Mr. President ist eine Zeichentrickfigur

Die Dystopie - die hässliche jüngere Schwester der Utopie - ist ein Kind der industriellen Revolution. Und sie ist dem Haupt von Satirikern entsprungen. Kein Schriftsteller, der eine Dystopie schreibt, will vor irgendetwas warnen; der Dystopie-Erfinder spricht immer nur von seiner unmittelbaren Gegenwart.

Das gilt für Jack Londons "Die eiserne Ferse", ein Buch, in dem der sozialistische Schriftsteller sich anno 1907 ausmalte, wie die Kapitalisten der Welt sich gegen die Arbeiter zu einer erbarmungslosen Oligarchie zusammenschließen. Es gilt für Aldous Huxleys "Schöne Neue Welt" (1932) und vor allem für George Orwells "1984". Es gilt für Ray Bradburys "Fahrenheit 451" - und am Ende auch für Gary Shteyngarts "Super Sad True Love Story", eine supertraurigwahre Liebesgeschichte, die im Grunde nur von einem handelt: dem Jahr 2010, in dem dieser Roman in Amerika erschienen ist.

Der Held des Buches ist ein gewisser Lenny Abramov, der - wie Gary Shteyngart selbst - als Kind russisch-jüdischer Emigranten in der Lower East Side von Manhattan lebt. Lenny Abramov nähert sich gerade der 40 und arbeitet für eine Firma, von der wir von Anfang an stark vermuten, dass es sich um ein betrügerisches Unternehmen handelt: Er ist für die Öffentlichkeitsarbeit der "Abteilung Posthumane Dienstleistungen" einer gewissen "Staatling-Wapachung Corporation" zuständig. Was die Firma mit dem komplizierten Namen verkauft, ist die Hoffnung auf ewiges Leben.

Auf einer Party in Rom passiert Lenny Abramov ein schreckliches Unglück, er verliebt sich. Das Objekt seiner Begierde ist eine bildhübsche und knabenhafte Koreanerin, die 20 Jahre jünger ist als er, eine Eunice Park. Eunice will erst nicht, will dann doch, zieht mit ihm in sein Apartment in der Lower East Side, streitet mit ihm, lässt sich von ihm verführen und verlässt ihn am Ende für seinen Chef, den 70-jährigen Joshie Goldmann, der dank seiner eigenen Verjüngungskur besser aussieht als sein beinahe-40-jähriger Angestellter. Das ist alles, das war es schon: Liebe, Knatsch und Trennung. Es ist eine alte Geschichte...

Nur geht unterdessen ein bisschen die Welt unter. Es ist nämlich so: Amerika wird von einer Monstrosität beherrscht, die sich "Amerikanische Restaurationsregierung" nennt. Ihr Slogan lautet: "Gemeinsam werden wir die Welt verblüffen!" Demokraten und Republikaner sind aus den Abendnachrichten wie aus dem Kongress verschwunden, oder vielmehr: Sie haben sich zu einer "überparteilichen Partei" vereinigt. Die Rolle des Diktators spielt eine Zeichentrickfigur, die wie ein fröhlicher Otter aussieht. Die wahre Macht liegt indessen in den Händen des Verteidigungsministers, eines Herrn Rubinstein. Die Amerikaner sind in Venezuela einmarschiert und versinken dort buchstäblich im Sumpf. Im Central Park campieren Obdachlose, die bis gerade gestern noch einen guten Job hatten. Die Mittelklasse ist ruiniert, es gibt nur noch reiche Yuppies, superreiche ältere Leute und viele, viele Arme. Jeder trägt einen "Äppärät" um den Hals, den man sich wohl wie eine Art superraffiniertes iPhone vorstellen muss: Der "Äppärät" dient der Kommunikation, gleichzeitig zeigt er die Bonität und sexuelle Attraktivität des Besitzers an. Bei Kontrollen durch die Regierungsbehörden muss jener "Äppärät" sofort vorgewiesen werden. Wer keinen "Äppärät" hat, wird verhaftet.

All dies ist noch nicht das Schlimmste. Leider muss nämlich gemeldet werden, dass Amerika in Gary Shteyngarts Roman schrecklich pleite ist. Verteidigungsminister Rubinstein macht tiefe Bücklinge vor einem herzlosen, mausgrauen, chinesischen Oberkapitalisten (die "Kommunistische Volkspartei Chinas" wurde naturgemäß längst in "Kapitalistische Volkspartei" umbenannt). Dann lässt Rubinshteyn die Obdachlosen im Central Park zusammenschießen, um die amerikanische Zahlungsbilanz aufzubessern. Aber auch das hilft nicht mehr weiter. Zu guter Letzt straft Shteyngart die ökonomische Binsenweisheit Lügen, dass Staaten nicht bankrott gehen können: Der Internationale Währungsfond übernimmt den Laden, die chinesische Volksbefreiungsarmee kreuzt im Hudson auf, und die Vereinigten Staaten von Amerika werden kurzerhand zwischen Norwegen, China und Saudi-Arabien aufgeteilt.

Das Buch zeichnet durchweg jener heitere Ton aus, der Weltuntergangsfantasien angemessen ist. Aber Shteyngarts Horror ist ein Resultat seiner Zeitungslektüre; sie rührt von seiner Abscheu vor George W. Bush her. Vieles wirkt in seiner Satire unglaubwürdig. Das Einzige, was man Shteyngart am Schluss wirklich abnimmt, ist seine Angst, unter einer Diktatur könnte sich der Fahrpreis der New Yorker U-Bahn auf zehn Dollar erhöhen. Der gegenwärtige Stand ist 2,25.

Gary Shteyngart Super Sad True Love Story. Rowohlt Verlag, 464 Seiten, 19,95 Euro.