Historisches

Eine seltsame Maschine setzt jede Dame unter Strom

Hier knistert es, es steigt die Spannung, es fliegen ziemlich weit die Funken - und bisweilen auch die Fetzen.

Atemlos erwartet die Hofgesellschaft des Fürsten von Nassau-Weilheim die Vorführung einer seltsamen Maschine. Hoffentlich schlägt bald der Blitz ein in den Drachen, den Charlotte von Geispitzheim einzig zu diesem Zweck gen Himmel schickt.

"Der elektrische Kuss" erzählt von naturwissenschaftlichen wie auch zwischenmenschlichen Vorfällen der besonderen Art. Der "elektrische Kuss" war ein Spiel der Zeit: eine Kurbel, die gedreht wurde und damit eine Trommel elektrisch auflud. Griff nun eine Dame an diese Trommel, erhielt jemand, der sie mit Handkuss begrüßte, einen leichten elektrischen Schlag.

In ihrem zweiten historischen Roman fächert Susanne Betz ein in bunten Farben und intensiven Gerüchen gehaltenes Zeitpanorama der Frühaufklärung auf. Der Mensch will etwas wissen, über sich und die Natur. Er will hinaus aus der räumlichen und geistigen Enge, egal ob er gesellschaftlich oben oder unten steht, ob die Religion oder die Hofintrige sein Leben bestimmt. Und deshalb stellen die Protagonisten dieses Romans unablässig Fragen. Es sind nicht - und damit hebt sich Susanne Betz wohltuend von der Gattung ab - glatte, flache, eindimensionale Figuren. Sie haben ihre Widerhaken, man findet sie nicht auf den ersten Satz sympathisch. Weder die störrische Gräfin Charlotte, die ihre Neugier auf Benjamin Franklins Forschungen nach Pennsylvania führt, noch den amischen Witwer Samuel, der sich im Staate William Penns das gelobte Land erhofft. Nur kurz und heftig kreuzen sich ihre Wege, dann gehen der Mann des Glaubens und die emanzipierte Frau getrennte Wege. Hier steht alt gegen neu, Fortschritt gegen strengen Glauben, Freiheit gegen Konventionen. Eine Entwicklung, der man wirklich gerne folgt, weil genaue Recherche und flüssiger Stil sich hier gekonnt mischen.

Susanne Betz: Der elektrische Kuss. Bertelsmann, München. 383 S., 19,99 Euro.