China

Nicht ohne die Polizei: Zu Gast bei Ai Weiwei

Ai Weiwei steht im Hof seines Pekinger Ateliers. Er zuckt bedauernd die Schulter, so, als ob er sagen will: Ich bin hier nicht mehr der Hausherr. Am Abend zuvor habe ich ihn angerufen, um zu fragen, ob ich ihn am nächsten Morgen besuchen dürfe, um mit ihm über seine Kunst zu sprechen.

Ich wusste, dass er über andere Themen nichts sagen darf. Über Kunst miteinander zu sprechen sollte kein Problem sein, sagte Weiwei. Bei meiner Ankunft in seinem Atelier stellt sich heraus, dass es doch ein Problem ist. Die Polizei hatte ihn bereits kontaktiert. Sie wollte auch um neun Uhr kommen. Kontakte mit Journalisten sind ihm untersagt, selbst wenn es nur um Kunst geht.

Am 30. März, vier Tage vor seiner Festnahme, hatte Ai beim letztmaligen Treffen über seine Pläne berichtet. Er wolle sich ein Atelier in Berlin als zweites künstlerisches Standbein suchen. Er erzählte begeistert von seinen Vorbereitungen, auch von anderen internationalen Projekten; im Herbst wollte er erstmals in Taiwan ausstellen. Daraus wird nun nichts. Er darf Peking nicht verlassen. Man sieht Ai Weiwei die Folgen der Beugehaft an, zwölf Kilo hat er in 80 Tagen abgenommen. Er bringt mich bis zur Tür. "Ich bin dabei, mich zu erholen."

Anhörung ohne Öffentlichkeit

Der mutige Anwalt Liu Xiaoyuan informiert, wie es weitergeht. Er kündigte auf seinem Mikroblog an, das nun der erste Akt im Wirtschaftsverfahren begonnen hat. Das Studio warte jetzt auf eine "Mitteilung über die Strafe". Die Pekinger Steuerbehörde hat unter Ausschluss der Öffentlichkeit eine Anhörung angesetzt, um zu klären, ob die von ihr beschuldigte Vermarktungsgesellschaft für Ai Weiweis Kunst, die "Beijing FAKE Kulturentwicklung GmbH", Steuern hinterzogen hat. Die Anklage wirkt zurechtgeschustert. Anwalt Pu Zhijiang von der Pekinger Kanzlei Huayi, die FAKE vertritt, zählte gegenüber der Morgenpost auf, was alles nicht stimmt. Die Steuerbehörde habe Quittungen und andere Belege, die aus den polizeilichen Bürodurchsuchungen stammen, vor der Anhörung weder den Anwälten noch Frau Lu Qing verfügbar gemacht. Zudem kann sie all ihre Beweismittel nur in Form von Kopien vorlegen. "Aber ohne Originale können wir die Richtigkeit nicht überprüfen." Die Anwälte können daher auch keine Summen nennen, um die es bei den Vorwürfen geht. "Eine faire Anhörung hätte öffentlich sein müssen, " sagte Pu. Der Fall "berührt weder Staats- noch Geschäftsgeheimnisse und verletzt auch keine Privatsphäre."

Befürchtungen, dass Peking am regimekritischen Künstler Ai Weiwei ein politisches Exempel zur Abschreckung anderer statuieren lässt, waren von Anfang an auch in China laut geworden. Bisher aber ist keine Anklage gegen ihn erhoben worden. In Mikroblogs kursieren angebliche Forderungen der Behörden an "FAKE". Das Unternehmen soll für die vergangenen zehn Jahre fünf Millionen Yuan (550 000 Euro) an Steuern nachzahlen und dazu noch eine Geldbuße von weiteren sieben Millionen Yuan berappen. Strafrechtlich gravierender wäre, wenn es stimmt, dass Steuer-Beweismaterial vorsätzlich vernichtet wurde, wie die Staatsagentur "Xinhua" pauschal behauptet.

Unerschrockene Anwälte wie Liu Xiaoyuan, der die Öffentlichkeit über Ai Weiweis Lage informiert hat, zahlen einen hohen Preis. Liu wartet seit zwei Wochen auf seine neue Lizenz als Anwalt, die jährlich zwischen Mai und Juni verlängert werden muss. Auch andere kritische Anwälte sind vom Berufsverbot bedroht und stehen unter Druck. Jerome A.Cohen, renommierter Experte für Chinesisches Recht, stellte jetzt in "Foreign Policy" einen Rückschlag für das Rechtswesen Chinas fest.

Indes steht Ai Weiwei in Deutschland weiterhin im Fokus des Interesses. Vor zwei Tagen ließ er Berlin wissen, dass er die ihm angebotene dreijährige Gastprofessur an der Universität der Künste annehme. Dort dürfte er für rappelvolle Hörsäle sorgen. Wenn der Dozent dann auch kommt. Derzeit ist ja nicht absehbar, ob und wann er wieder frei seinen Aufenthaltsort wird bestimmen können. "Ich werde reisen, wenn mir erlaubt wird, China zu verlassen", sagte der 54-Jährige gestern in Peking. Auch die Akademie der Künste gab bekannt, dass der Chinese das Angebot auf Akademie-Mitgliedschaft mit großer Freude angenommen habe.

Protestaktionen laufen weiter

Morgen nun wird das Kunsthaus Bregenz "Art/Architecture" eröffnen, die größte Werkschau, die Ai Weiwei jemals als Architekten gewürdigt hat. Gerade in seinen Bauten, so die These, werde die sozialpolitische Dimension seiner Arbeiten einmal mehr deutlich. Weiweis Gebäude allerdings sind in Europa weniger bekannt, mit Ausnahme des Pekinger Olympiastadions, das auch "Vogelnest" genannt wird. Präsentiert werden neben Fotos der Bauten, auch Texte, Modelle und Videos. Wie jenes, das die Zerstörung von Ais Atelierkomplex in Shanghai dokumentiert. Kurz nach der Fertigstellung wurde er unter dem Druck staatlicher Behörden abgerissen. Weiwei hatte daraufhin zu einer "Abriss-Party" eingeladen. In der Zeit der Verhaftung Ais bangte das Kunsthaus um die Ausstellung. Lange war nicht klar, ob die Exponate je in Deutschland ankommen würden, schließlich wurden auch Assistenten aus Ais Studio verhaftet. Per Email beteiligte sich der Künstler nach der Entlassung am Aufbau der Schau. Dennoch ist seine Abwesenheit, die wie eine Leerstelle die Ausstellung prägt, in Bregenz nicht zu übersehen.

Auch Yilmaz Dziewior, Chef des Kunsthauses Bregenz am Bodensee, musste feststellen, dass Ai Weiwei derzeit kaum agieren kann. "Er hat nur gesagt, dass er in seiner Situation keinen adäquaten Kommentar findet. Er kann natürlich nichts zur politischen oder gesellschaftlichen Situation sagen. Er ist de facto nicht frei." Im Kunsthaus will man deshalb die Protestaktion mit Künstlerplakaten weiterführen. "Es ist unsere Aufgabe", findet Dziewior, "auch nach der Freilassung seine Situation im Bewusstsein zu halten."