Distel

Nach 38 Minuten kommt der erste FDP-Witz

Es musste so kommen. Ich zählte die Minuten bis zum FDP-Witz. Immerhin ich saß in "Nimm 3", dem neuen Programm der Distel. Es handelte sich also um politisches Kabarett, und das folgt strengen Gesetzen, von denen das oberste heißt: der FDP-Witz ist obligatorisch.

In der siebten Minute schon kam der erste Witz über die traditionelle Mann-Frau-Rollenverteilung. Das fand ich persönlich sehr früh für ein Thema, das in Deutschland seit 30 Jahren kaum eine Rolle mehr spielt. Geschlagene 16 Minuten dauerte es, bis der Name "Mario Barth" fiel und damit das Thema "Verblödung des Volkes durch geistlose Unterhaltung" angesprochen wurde. Vielleicht, dachte ich, probieren die auf der Bühne was ganz Neues: mindestens einmal ein eisernes Gesetz des Genres zu übertreten. Doch meine Hoffnungen wurden enttäuscht: der FDP-Witz fiel in Minute 38. Immerhin war es der Drei-Mann-Truppe Simone Solga, Michael Frowin und Martin Maier-Bode offenbar selber peinlich, oder wie sonst soll ich diese Einleitung interpretieren: "Es musste ja kommen", hieß es von der Bühne.

Das will nicht heißen, dass der ganze zweistündige Abend nur vorhersehbar war. Im Gegenteil: Mindestens 25 Prozent war wirklich witzig. Das ist in der Welt des Kabaretts fast schon ein kleines Wunder. Über Familienministerin Kristina Schröder wunderte sich Solga, die sich von den drei Kabarettisten am besten die Bühne zu dominieren wusste: "Sie hat jetzt ein Kind bekommen - endlich ist bei ihr was rausgekommen, was Hand und Fuß hat." Auch Frowin glänzte mit seiner Beschreibung des Gerangels um den Atomausstieg, den er etwa so beginnt: "Die SPD und Grünen beschlossen den Einstieg in den Ausstieg, später dann stieg man in den Ausstieg des Einstiegs in den Ausstieg ein ..." Und es ging immer weiter. Ich will nicht wissen, wie lang er das kleine Virtuosenstück einüben müsste.

Und Maier-Bode, der vielschreibende Künstlerische Leiter der Distel, gelang sogar ein Witz, der wirklich böse war. Als zwei EU-Beamten ihn in der Rolle als Teufel fragen, warum es hier in der Hölle so qualmt, sagt er: "Das ist Loki Schmidt". Ich wusste gar nicht, dass politisches Kabarett so mutig sein darf. Überhaupt, wenn die Distel-Autoren vorübergehend das strenge Korsett des parteipolitischen Humors abschütteln und anstatt wie gewohnt "die da oben" zu beschimpfen dem Publikum selbst einen Spiegel vorhalten, werden sie witzig. Die empörten, doch vorhersehbaren Witze über den Panzerverkauf in die arabische Welt verblassten neben dem Solga-Monolog, in dem sie eine Ossifrau spielt, die im Ägypten-Urlaub unversehens in den Aufstand auf den Tahrir-Platz gerät, wo angenehme Erinnerungen hochkommen.