Wolfgang Müller: Kosmas

Vom Leben und Sterben des Tigerhais

Wer Wolfgang Müller trifft, sollte fit sein auf folgenden Gebieten: Tagespolitik, Kunst, Geschichte, Trash.

Müller wohnt seit über 30 Jahren am Mariannenplatz, im obersten Stockwerk, schaut von auf die Welt. Assoziativ springt er im Gespräch dann von tagesaktueller Politik ("Die Grünen sind heute auch wie alle anderen Parteien") zu isländischen Elfensagen ("Hüleimanasaga"), von seinen Erfahrungen an der Berliner Mauer ("Ich konnte mich nie über sie lustig machen") bis hin zur französischen Gebärdensprache (die übrigens der US-amerikanischen sehr ähnlich ist).

Dieses Assoziationsfeuerwerk macht schlicht Spaß und ist so einfach: Man zeigt auf einen Gegenstand in der von Bücherregalen vergitterten Wohnung und hört sofort die Geschichte dazu. Aber der Besuch beim Berliner Musiker, Autor und Island-Experten Wolfgang Müller hat einen Anlass. Nach mehreren Sachbüchern - etwa über die Blaumeise - hat er gerade seinen Debütroman "Kosmas" geschrieben.

Darin beschreibt er das Leben eines Tigerhais (auf zwei Seiten) und dessen Nachleben (im Rest des Buchs) sehr genau. Es geht um Damien Hirsts Kunstwerk "Die physische Unmöglichkeit des Todes in der Vorstellung eines Lebenden": ein Tigerhai, der in Formaldehyd eingelegt wurde. Müller beschreibt, wie das Kunstwerk an Wert gewinnt und zunehmend zum Fluch für alle Beteiligten wird. Bis zum Künstler selbst, an dessen Namen sich die Menschen im Jahr 2567 nicht mal mehr erinnern können. Fiktion und Realität vermischt er gern, bei DJs heißt das "samplen".

Das Buch handelt von Menschen, die Kunst schaffen, Kunst verkaufen oder über Kunst schreiben. Eine Parallelwelt, die nicht nur für Müller immer wichtiger geworden ist. "Selbst Boulevardzeitungen", sagt er, "die sich früher nur über Kunst lustig machten, drucken plötzlich moderne Gemälde ab." Bei Online-Portalen stapeln sich die Kataloge und die Meinungen dieser Kunstkritiker entscheiden mit über den Marktwert eines Künstlers. Wenn dann jemand behauptet, Kunstkritiker seien am wenigstens korrumpierbar, weil sie so wenig verdienten, dann regt ihn das wirklich auf. "Da müssten ja die Flaschensammler in Kreuzberg total idealistische Menschen sein." Nein, das eine habe mit dem anderen nichts zu tun.

Aber schon wieder ist man mittendrin in einer Diskussion über Gerechtigkeit, Markt und Medien. Müller kann gar nicht mehr anders, als alles mit allem zu verknüpfen. Geschichten von Rainer Werner Fassbinder, den er gekannt hat, mit einem Künstler aus Singapur, der in Frauenkleidern ein fünfminütiges Video gedreht hat, dass auf YouTube gerade zum modernen Klassiker wird: "Deutsch lernen mit Petra von Kant". Der Asiate keift, einem Nervenzusammenbruch nahe, auf Deutsch: "Weißt du, was du für mich bist, Mutter? Eine dreckige, elende, miese Hure."

Dieses unterhaltsame Video zeigt Müller zwischen all dem Reden über Kunst. Es sei das Gegenbeispiel zu all den abgehobenen und hedonistischen Werken, denen zu viel Aufmerksamkeit geschenkt werde. "Mich interessieren nicht die Meeses und Hirsts, die nur den Zynismus der Welt abbilden", sagt Müller. "Ich finde es auch kein Drama, wenn sich reiche Leute Mist kaufen." Das sei immer noch besser als Aktienanteile an Firmen zu kaufen, die Waffen herstellen. Und wieder geht es um Politik, um Globalisierung, es bleibt bis zum Ende schwierig, allein über das 192 Seiten starke "Kosmas" zu reden. Als ob auch ihm letztlich diese bitterböse Satire nicht so wichtig sei. Er wolle lediglich den Qualitätsbegriff zurück in die Diskussion um Kunst bringen. Und Damien Hirst sei für ihn da so etwas wie der Dieter Bohlen der bildenden Kunst. Massenkompatibel, aber nicht besonders anspruchsvoll.

Doch Wolfgang Müller schreibt schon an seinem nächsten Roman. Es soll um die 80er-Jahre in Kreuzberg gehen, also auch um "Die Tödliche Doris", die Band, die er gegründet hat - aber sicher um das Leben an der Mauer, Gebärdensprache, Tagespolitik, Kunst und Trash.

Wolfgang Müller: Kosmas. Verbrecher Verlag, 192 Seiten, 21 Euro.

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