Alvin Ailey American Dance Theater

Das Tanzwunder aus New York

Ein Jubel ohnegleichen, die ganze Vorstellung hindurch. Das Schöne: die Vorstellung des Alvin Ailey American Dance Theaters in der Deutschen Oper ist den Jubel auch wert. Allerdings nicht von Anfang. Der gehört zunächst Judith Jamison, der Erbin und Nachfolgerin Aileys, der 1989 starb. Sie war schon immer eine glänzende Tanzerzieherin, eine ebenso bedeutsame Choreographin war sie nie.

Für "Love Stories", dem Eröffnungsstück des Programms, fehlt ihr sichtlich die choreographische Inspiration. Die Körper, die sie bewegt, sind ideal, wahre Sportplatz-Beauties. Sie turnen bald wohlgefällig, bald leidenschaftlich bewegt über die nackte Bühne, aber zu verkünden haben sie wenig. Außer der schönen Tatsache, dass es dieses prachtvolle Ensemble immer noch gibt. Die Tanzkunst fängt allerdings bekanntermaßen erst im 2. Stock an. Diese bewegt sich sehr ansehnlich und liebevoll im Parterre.

Man darf dabei natürlich nicht übersehen, dass Ailey der erste war, der mit künstlerisch unerschöpflicher Energie sich daran machte, das schwarze Amerika für die Bühnen seines Heimatlandes zu entdecken, das offenbar bis dahin keiner hatte sehen wollen. Natürlich hatte die Musik des farbigen Amerika sich längst die Herzen und die die Sinne des wachen, geistig regsamen Kontinents erobert, nur leider die Tanzbühne nicht. Das war ein Gebiet, das geradezu danach schrie, vom farbigen Amerika genutzt zu werden. Alwin Ailey war der erste, der sich grundsätzlich und unter Aufwendung aller Kräfte an diese Aufgabe wagte. Er überschüttete die Bühne geradezu mit immer neuen Werken. Er war nicht so sehr auf hohe Kunst aus, denn auf Beschäftigung und Fortbildung seiner Truppe. Sie hatte sich einen Namen zu machen. Sie hatte sich gleichzeitig über alle erdenklichen Vorbehalte hinwegzusetzen.

Plauderlustige Körper in Aktion

Es war ein Sprung aus dem Nichts, Ailey und seine Tänzer wagten ihn. Sie sprangen über die Jahre, die Jahrzehnte hin ins Glück. Nicht nur das eigene. Sie verstanden es, sich als ernst zu nehmende dritte Kraft neben dem Ballett und dem sogenannten Modern Dance zu etablieren. Sie holten sich aus beiden Kategorien das Beste und formten es sich auf den eigenen Leib. Man musste ihm nur erst mit Fleiß und Stetigkeit auf die Schliche kommen und ihn lehren, die Trümpfe nachdrücklich auszuspielen. Ailey war ein Mann von großartiger Überzeugungskraft. Ihm gelang das Wunder.

Erst nach der ersten Pause wendet sich das Blatt, und der Abend wird kunstreich und interessant. Sein zweiter Teil gehört dem neuen Chef der Compagnie: Robert Battle. Es darf bei ihm sogar gelacht werden. Kanji Segawa tanzt ein herausfordernd angekichertes Solo: ein Gespräch mit dem eigenen plauderlustigen Körper wie am Telefon. Arme, Beine, Schultern, Gelenke antworten ohne Umschweif oder Verzögerung auf die von der Komponistin Sheila Chandra geheimnisvoll vorgetragenen Fragen. Sie lassen immer aufs Neue den Tänzer sich winden, mit den beredten Füssen nach Antworten fahnden. Das Ganze währt nur drei Minuten, aber sie sind vorzüglich.

Und dabei bleibt es im Folgenden: "The Hunt" heißt Battles viertelstündiges Folgestück. Es sprengt den Hörern zunächst einmal die Ohren. Dafür sorgen "Les Tambours de Bronx", ein Perkussions-Ensemble, das wahrhaft draufzuhauen versteht. Sechs Männer haben sich der musikalischen Herausforderung zu stellen, alle halb nackt, in schwarze, knallrot gefütterte Hosenröcke gewandet. Sportsleute sichtlich sie alle, wenn auch auf körperlich-vergeistigte Art. Worauf sind sie aus? Weswegen belauern sie sich? Es setzt immer neue Attacken in der Gemeinsamkeit. Das viertelstündige Stück gewinnt mit jedem Schritt an Unheimlichkeit, es stampft das Tanzwohlbehagen zu Boden. Es gibt sich bedrohlich, durchweg athletisch und faszinierend zugleich. Die Ailey-Nachfolge ist, Glück muss man haben, auf einen originellen, kraftvollen Choreographen gestoßen.

Danach folgt der tänzerische Abgesang, eingeleitet von einer fünfminütigen Filmsequenz, in der Ailey selbst über die Entstehung seiner "Revelations" spricht, seines Wunder- und Meisterwerks von einst, vor einem halben Jahrhundert aus der Taufe gehoben, aber frisch wie am ersten Tag, wenn auch nicht mehr so aufwühlend. Auch die Ewigkeit, das Donnerwort, donnert mit den Jahren ein bisschen leiser, wenn sich derart viele neue künstlerische Eindrücke und Erkenntnisse in der Zwischenzeit eingebürgert haben. Natürlich wird "Revelations" ein Lieblingsstück des Publikums bleiben. Es erntete viel Beifall. Es brachte das junge Publikum buchstäblich aus Rand und Band. Gut so - damit ist die Zukunft von Robert Battle gesichert. Er ist es, der in Zukunft auf Alvin Aileys American Dance Theater neugierig macht.

Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Tel. 34 38 43 43. Bis Sonntag täglich.

Meistgelesene